Jetzt mal ganz ausführlich ...

Ich habe nicht immer so gedacht...

Aufgewachsen bin ich relativ konservativ mit einer Mutter, die als verbeamtete Lehrerin für Musik und Mathe gearbeitet hat und einem Vater, der als Elektroingenieur bei einem Elektrogerätehersteller-Riesen als "Röntgengerätarchitekt" Karriere gemacht hat. Wir sind in meiner Kindheit 2-3 mal im Jahr im Urlaub gewesen, wo ich alle Freuden, wie Angeln (wahlweise Fische im See im Center Park oder Krabben aus der Nordsee), "Banana-Boat" fahren, tauchen, schnorcheln, Bücher am Pool lesen, ausschweifende Buffets im Club-Hotel an der türkischen Südküste, Jeep-Touren über griechische Inseln, Fahrradtouren durch deutsche Wälder, Kanoe-Touren mit Lagerfeuer auf Zeltplätzen und allen anderen schönen Dinge, die man sich als junger Mensch nur so vorstellen kann. Ich habe, wie die Meisten, meine Schullaufbahn absolviert, habe die eine oder andere Sportart ausprobiert und habe zum Ende meiner Schulzeit knapp 2 Jahre meines Lebens nahezu vollständig als axtschwingender Krieger am Computer für World of Warcraft verschwendet.

Als dann das "echte" Leben zu beginnen drohte, war ich sehr unentschlossen, wie wahrscheinlich die meisten 19 Jährigen also habe ich mir mögliche Zukunftspläne vor allem in Zusammenarbeit mit meinen Eltern und diesen wunderbaren Berufseignungstests in der Schule erarbeitet. Die Berufseignungstests rieten mir allesamt auf Grund meiner Mathe- und Englisch-Affinität zu kaufmännischen Berufen. Gleichzeitig hatte ich während meiner Zeit in der Oberstufe viel Zeit in das sogenannte "Comenius Projekt" investiert, wo wir mit einer kleinen Delegation von engagierten Schülern aus unserer Schule und einigen vergleichbaren Gruppen von Schülern anderer Schulen im europäischen Ausland, u.a. ein E-Book kreiert haben. Die Faszination für die englische Sprache und das Phänomen, dass ich bei südeuropäischen Frauen auf magische Art und Weise wesentlich besser anzukommen schien, ließen mich (der sich selbst als Zocker bezeichnet hätte) eine Begeisterung für internationale Arbeit entwickeln. Diese hat am Ende dazu geführt, dass ich mich vor allem für den Beruf des Außenhandelskaufmann interessierte. 7 Bewerbungen später hatte ich dann meinen Ausbildungsplatz als Betriebswirt im Außenhandel...

NICHT! Aus einem mir unerklärlichen Grund schien ich für sämtliche Unternehmen in Hamburg komplett uninteressant zu sein. Da ich keinen Ausbildungsplatz vorweisen konnte und ich dazu noch der letzte Jahrgang war, der in Deutschland, an einer Musterung für die Wehrpflicht bei der Bundeswehr mitmachen musste, war ich auf einmal in der Situation, dass ich um der Bundeswehr zu entgehen ein freiwilliges soziales Jahr bei den Johannitern als Schulbusfahrer für körperlich Behinderte erleben durfte. Ich finde es wirklich bewundernswert, was manche Lehrer an dieser Schule leisten. Weder ich, noch die Lehrer werden adäquat auf den Umgang mit geistig Behinderten vorbereitet und wenn man dann u.a. einer jungen Dame ausgesetzt ist, die neben ihren pubertierenden Hormonen noch eine starke Intelligenzminderung und ADHS vorweisen kann, hilft nur noch beten, während du mit 120 auf der Autobahn fährst und hinten im Bus die Kinder sich wortwörtlich die Köpfe einschlagen. Zu dieser Zeit dachte ich viel über meine Zukunft nach, war aber am Ende des Jahres nicht viel schlauer, außer, dass ich mich dieses mal auf knapp 30 Stellen bewarb, davon einige auch duale Studienplätze waren und jetzt endlich hatte ich meine Stelle als Betriebswirt im Außenhandel...

NICHT! Ohhh man. Zum Glück hatte ich mich zudem auf 2 reguläre BWL Studienplätze in Kiel und Hamburg beworben. Nachdem ich erst in Kiel eingeschrieben war und ich dann zum Glück 2 Wochen vor Studienbeginn in Hamburg nachgerückt bin, begann dort der erste Teil meiner "echten" beruflichen Abenteuer.

Das erste Semester verging ohne viel Aufsehen zu erregen. Die anfängliche Studieneuphorie, mit mindestens wöchentlichen Party-Touren über die Hamburger Reeperbahn am Donnerstag Abend für 0€ und riesigem studentischen Gemeindschaftsgefühl war nach den Klausuren aufgebraucht und so organisierte sich Stück für Stück alles in kleinen Grüppchen und die Viel-Feier-Mentalität normalisierte sich. Zu dieser Zeit kam ich auf den genialen Einfall, dass es doch super clever wäre sich neben dem Studium fort zu bilden oder zu engagieren, damit ich nach dem Studium nicht in die gleiche Situation kommen würde, die ich schon aus der Bewerbungsphase vorm Studium kannte. Man sagt ja nicht ohne Grund: "Was sagt der fertige BWL'er zum noch aktiven BWL-Studenten? ... Ketchup oder Mayo?". Angebot und Nachfrage regeln den Markt und ich wollte unbedingt einen der interessanten Jobs nach dem Studium. Am liebsten irgendetwas mit Führungsverantwortung ... schließlich war ich ja auf dem Weg einer von diesen hochdekorierten Akademikern zu werden.

In der aktiven Phase meines Studiums hatte ich auf der einen Seite ein Art Praktikum bei einem Hamburger Immobilienkaufmann im bereich Immobilienverwaltung und zudem durfte ich 1,5 Jahre ehrenamtlicher Teil vom Hamburger Committee von AIESEC sein, wo wir sowohl deutschen Studenten geholfen haben Praktika in fernen Ländern zu ergattern und gleichzeitig deutschen Unternehmen hochqualitative Fachkräfte aus dem europäischen und außereuropäischen Ausland besorgt haben. Dort habe ich auch meine erste "kleine" Führungsaufgabe erhalten beim organisieren einer Netzwerk-Veranstaltung, wo ich für ganze 3 Menschen Verantwortung tragen durfte!

Der Höhepunkt meines Studiums war allerdings das dritte Semester, wo ich sowohl meine Passion für Investments jeglicher Art als auch die Liebe für ein im beruflichen und persönlichen Sinne selbstständiges Leben entdeckt habe. Kennt ihr das, wenn euch Wissen in bestimmten Bereich einfach zufliegt? Bei mir war das in der Vorlesung Investitionen so. Es hat einfach alles so viel SINN ergeben!!! Gleichzeitig war für mich jede Vorlesung spannender als ein Blockbuster Kinofilm mit der hochkarätigsten Starbesetzung. Ohne großen Lernaufwand habe ich dann auch die Klausur mit Best-Note bestanden. Seit dem sauge ich alles, was mit Banken, Aktien, Fonds, Finanzierungen, Immobilien, Versicherungen, Derivate und ähnlichen Begriffen zu tun hat auf, wie ein Schwamm. Ich wollte unbedingt einer dieser hoffnungslos überbezahlten Portfolio-Manager / Banker werden, die in Frankfurt im 40 Stock in Anzug und Krawatte sitzen, für die Bank und die Kunden Millionengewinne am Tag einfahren, während das wachsame Auge abwechselnd auf einem der 8 Aktienchart-Bildschirmen oder dem atemberaubenden Blick über die Skyline Frankfurts ruht. Hach...

Genau das bin ich NICHT geworden haha. Zum Glück habe ich damals den Thomas kennengelernt. Was sich zuerst als möglicher Nebenjob dargestellt hatte entwickelte sich zu dem wohl wichtigsten Gespräch in meinem Leben und das mit einer sehr sehr simplen Frage: "Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dich Selbstständig zu machen?". Ich hatte bis zu dem Zeitpunkt tatsächlich noch nicht darüber nachgedacht. Diese Frage hat eine Verkettung von Ereignissen, neuen unglaublich inspirierenden Bekanntschaften, alles verändernden Lernerfahrungen und tonnenweise Büchern mit sich gebracht, die mich in den letzten knapp 6 Jahren zu dem gemacht haben, der ich heute bin.

-> Jemand, der schon einiges erlebt hat und daher weiß, dass er noch eine ganze Menge zu lernen hat und sein Leben lang dazulernen darf.

Wenn es eine Sache gibt, die ich jedem Empfehlen kann ...