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Mein aktuelles Buch-Projekt: Der König der Phönixinseln V2

Hey Freunde,

ich schreibe aktuell an meiner Fantasy Science Fiktion Utopie. Es wird eine packende Story rund um die Suche nach der „perfekten“ Welt. Ihr dürft gespannt sein!

Hier poste ich einmal die ersten 3,5 Kapitel als Appetithappen und damit ihr mir Feedback oder Verbesserungsvorschläge geben könnt. Darüber würde ich mich sehr freuen, damit ich mich professionell bei Verlagen bewerben kann. Danke.

(Rechtschreibfehler sind wahrscheinlich noch massenhaft vorhanden 🙂 )

Version 2.0

Kapitel 1: Die Phönixinsel

Majestätisch sah er den Vogel keine 2 Meter entfernt über dem ruhigen blauen Nass schweben. Mit jedem Flügelschlag ging eine sengende Feuerwand auf die Meeresoberfläche nieder, wo zischend Wasserdampf aufstieg. Seine brennenden Augen wanderten suchend umher. Zwischen seinen gelben und orangenen Federn schimmerte hier und da der Schein von geschmolzenen Metall durch, das direkt unter der Haut des Geflügelten zu fließen schien. Während Marc, mit einem ehrfürchtigen Gefühl in der Magengegend, den gewaltigen Leib des Phönix betrachtete bemerkte er den inzwischen schon vertrauten Geruch von schmelzendem Erz.

Dieses Mal fiel ihm etwas auf, was ihm bisher entfallen war. „Ist das da ein Herz auf dem Kopf?“, fragte er sich und wollte sich am Kinn kratzen. „Kein Kinn zum kratzen da“ musste er feststellen und sonst auch keine Gliedmaßen. Er schien wie immer nur ein körperloser Beobachter zu sein. Vom Schnabel ausgehend bestand der Kopf des Phönix aus einer sehr dunklen violetten metallischen Platte. Diese fast schwarze Kopfbedeckung schien aufgesetzt zu sein und wirkte mit seinen nach oben hin geschwungenen Ausläufern wie eine mächtige Krone. Der Hauptteil teilte sich oberhalb des Kopfes in zwei metallene Flügel auf. „Die Form zwischen den beiden Enden der Krone erinnert im weitesten Sinne an ein umgedrehtes und nach oben offenes Herz“, dachte der Körperlose. Gerade als Marc sich das genauer anschauen wollte drehte der Vogel seinen Kopf langsam zur Seite und schaute ihn mit aufgerissenem Auge an.
Marc fühlte keine Angst. Es war eher als versuche der Vogel mit ihm zu sprechen. Eine Sekunde später begann das Wesen stärker und stärker mit den Flügeln zu schlagen und sich höher in die Luft zu schrauben. Es nahm immer mehr Fahrt auf während Marc wie an einem unsichtbaren Seil hinterher gezogen zu werden schien. Von hier oben war weit und breit auch nur Wasser zu sehen. Auf einmal zuckte der schwere Kopf des Phönix nach links. Wie es schien hatte er irgendetwas entdeckt. Er legte die Flügel an und begann den Sturzflug. Im freien Fall wurden die beiden immer schneller. Die blaue Wasseroberfläche kam immer näher und näher. Gerade noch rechtzeitig vor dem Aufschlag breitete das brennende Geschöpf seine gewaltigen Flügel aus und kam mit einem einzigen donnernden Schlag seine meterlangen Schwingen nur wenige Finger breit vorm Ozean in der Luft zum Stehen. Das Donnern wurde gefolgt von einem lauten Zischen als das Meer unter den beiden zu brodeln begann. Der Phönix schaute sich langsam um. „Es sieht irgendwie zufrieden aus“, dachte Marc noch als er unvermittelt einen lautes Grollen aus dem Schnabel der Kreatur zu vernahm, welcher wie zum Schrei geöffnet war. „Jetzt wird’s interessant“, ging es unserem stillen Beobachter durch den „Kopf“. Auch bemerkte er wie der feurige Schein durch das Federkleid immer heller zu werden schien. Nach und nach fingen die Federn Feuer. Zuletzt brannte sogar die kronenartige Kopfbedeckung. Marc nahm die unglaubliche Hitze wahr, die von diesem Feuerball ausging. Viel mehr als einen viel zu hellen Ball konnte er auch schon nicht mehr erkennen. In diesem Moment wünschte er sich Augenlieder, damit er nicht so geblendet werden würde. In einem Umkreis von einem halben Fußballfeld zischte und brodelte das Wasser unter ihnen und auf einmal war es weg.

Kein Licht, kein Phönix und keine Hitze. Das Wasser beruhigte sich schnell wieder. Beim genaueren hinschauen konnte Marc einen grauen Schleier in der Luft erkennen. Ganz leise und behutsam rieselte ein Ascheregen auf die Meeresoberfläche und blieb dort liegen.
Als alles zu schwimmen schien verbanden sich die einzelnen Partikel zu einem runden Teppich. Um sie herum war die Wasseroberfläche auf einmal in Bewegung. Irgendetwas Großes schien sich unter Wasser zu bewegen. Marc meinte einen dunklen Schimmer erkennen zu können, als sich auch schon einen großer Stein von unten ins Sonnenlicht schob. Nur wenig Sekunden später folgte ein ganzes Steinmassiv und ehe er sich versah hatte sich eine kleine Insel aus dem Meer erhoben. Nachdem das Wasser auf den Steinen in Rinnsalen zurück in Meer geflossen war breitete sich in der Mitte der Insel, wo die Asche lag, ein grüner Moosteppich über die Insel aus. Daraus sprossen wenig später Grashalme. Der Geruch von morgendlicher Blumenwiese war allgegenwärtig als das Geräusch von ersten Insekten, wie Bienen und Schmetterlingen zu vernehmen war, die sich um die gerade aufblühenden Blüten stritten. „Wenn gleich noch Vögel auftauchen werde ich verrückt“ dachte Marc und hätte gerne gegrinst. Prompt flog ein kleines gefiedertes Geschoss an ihm vorbei und erkundete die Insel. Alle Lebewesen versprühten frühlingshafte Glücksgefühle.

Plötzlich knackte es tief in der Insel. Mark konnte bisher keinen Grund erkennen. Das Knacken setzte sich fort und feine Risse entstanden dort im Boden, wo die Asche des Phönix liegen musste. Ein kleiner grüner Halm spross aus einem der Risse empor. An der Spitze begann sich ein kleines Blatt zu bilden, als der Halm seinen Aufstieg fortsetzte. Das Grün verwandelte sich schnell in ein braun als der Halm dicker wurde. Das Knacken des Steines wurde indessen lauter als sich lange Risse durch die ganze Insel zogen. Immer höher kletterte das, was Marc nun eindeutig als Eiche erkennen konnte. Der Stamm war am Boden bereits mehrere Faust breit, gut zwei Mann groß und wuchs stetig weiter. Ein dichtes Blätterdach bildete sich aus und warf einen willkommenen Schatten auf den mittleren Teil der Insel. Es verging noch eine ganze Weile bis sich die Insel und der Baum beruhigten. So etwas hatte der Körperlose wirklich noch nicht gesehen. Bäume kannte er logischerweise, aber solch ein Kunstwerk war ihm noch nicht untergekommen. Der Stamm war unten so dick, wie ein mittelgroßer Elefant. Von da aus wanden sich in den Rissen im Gestein gut erkennbar starke Wurzeln durch die ganze Insel. Die mittleren Verästelungen waren teilweise dicker als die dickste Eiche, die er jemals gesehen hatte und von ganz oben konnte man den Boden kaum noch erkennen. Wie ein kunstfertig hergestelltes Tattoo wand sich die Borke um das Holz und Marc hatte das Gefühl, dass sie eine Geschichte erzählen würde, wenn er nur die Sprache verstehen könnte, in der sie geschrieben war. Der Meereswind wog die Blätter in sattem, lebendigem hellgrün hin und her und ab und zu vernahm man ein leichtes hölzernes Knarzen. Eichhörnchen huschten aufgeregt über die Äste und nahmen ihr neues Zuhause in Beschlag.

Von ein wenig weiter weg betrachtet sah es sehr idyllisch aus. Das Blätterdach bedeckte fast die gesamte Insel, wie ein satter dunkelgrüner Schirm. Das Bild löste bei Marc eine tiefe Zufriedenheit aus.
Als er alles von jedem erdenklichen Winkel aus betrachtet hatte vernahm er einen seltsam vertraut klingenden Schrei. Auf einem der oberen Äste war jetzt ein großes Vogelnest zu erkennen. Aus dem einen Ei war ein Vogel geschlüpft, der am ehesten wie ein sehr kleiner Adler aussah. Wie auch der Baum schien das Tier wahnsinnig schnell zu wachsen und nach kürzester Zeit saß auf dem obersten Ast des Baumes ein riesiger Adler, der sich mit wachsamen Blick umschaute. Schnell merkte Marc, dass sein neuer Freund ihn entdeckt hatte und aus seinem rechten Auge heraus direkt anschaute. Ohne, dass er wusste warum zog es Marc zu dem Vogel hin. Je näher er kam, desto stärker wurde die Anziehungskraft und desto weniger vermochte er sich zu wehren und da war er auch schon drin. Marke öffnete die Augen und schaute an sich runter. „Schickes Federkleid“, dachte er sich, während er langsam seine Flügel ausbreitete. Er sprang von dem Ast, auf dem er eben noch gestanden hatte und ließ sich fallen. Ein paar kräftige Flügelschläge brachten ihn in eine horizontale Flugbahn und wie ferngesteuert flog er jetzt hoch Richtung Sonne. Er schraubte sich höher und höher, bis er spürte, wie sein Körper immer heißer wurde. Auch sah er einen dunklen Punkt, der sich vom hellen gelb der Sonne absetzte. Dieser Punkt wurde immer größer, während Marc das Gefühl hatte zu kochen. Aus irgendeinem Grund beunruhigte ihn das in keinster Weise und so flog dem schwarzen Etwas entschlossen entgegen.

Mit einem lauten metallenen Knacken landet die dunkle Metallkrone mitten auf Marcs Kopf. Der brutale Aufprall riss ihn abrupt aus seinem Aufstieg und runter in die Tiefe. Marc befand sich in einem unfreiwilligen unkontrollierten Sturzflug. Es schien als wäre diese spezielle violett schimmernde Krone genau für ihn gemacht gewesen und war nun fest mit seinem Schädel verbunden. Im Sturzflug wurde die Hitze indes so stark, dass alle Federn an seinem Körper lichterloh brannten.
Auf einmal vernahm er wieder das grollen, was er von dem Phönix kannte, bevor dieser verbrannt war, nur dieses Mal kam es aus seiner Kehle. Begleitet von einem lauten Knall öffnete Marc seine Flügel und eine Welle aus Funken und Flammen ergoss sich in alle Richtungen. Die Flügel fingen den Sturz sofort auf und er begab sich nunmehr in einen kreiselnden Flug über dem Meer. Marc wusste, was er geworden war, als er die Blicke der Tiere auf der Insel erblickt. Voller Ehrfurcht waren alle Augen auf ihn gerichtet. Er spürte die Macht in jeder Faser seines neuen Körpers. Tiefe Dankbarkeit breitete sich in ihm aus, als er ein leises zufriedenes grollen vernehmen lies und mit kräftigen Bewegungen seiner Flügel in Richtung der inzwischen untergehenden Sonne losflog. „So fühlt sich Freiheit an, Bitches“, dachte Marc und versuchte mit den Schnabel ein überlegenes Lächeln zu formen. Keine Chance. „Schnäbel sind anscheinend nicht zum Lächeln gedacht“, stellte er leicht enttäuscht fest. Stattdessen zwinkerte er einer neben ihm fliegenden Möwe zu, die etwas verunsichert auf Abstand ging. „Immerhin etwas“, bewunderte er sein Werk stolz, während der Wind ihm ins Gesicht und durch die Federn strich.
„Peep, peep, peep“, wurde plötzlich Marc unsanft aus seinem Traum gerissen.

Kapitel 2:

„Hättest du mich nicht noch ein bisschen fliegen lassen können“, warf Marc seinem Wecker vorwurfsvoll an den Kopf. Er drehte sich auf den Rücken und rieb sich verschlafen die Augen. Solche Träume hatte Marc jetzt schon seit Jahren. Immer wieder mal tauchte er in Gedanken in die Welt dieses wunderschönen Geschöpfes ein. Auch wenn jeder seiner Träume etwas anders war, der frisch Erwachte war immer bester Stimmung und fühlte sich kraftvoll wie sonst selten. Sein Vater war fest davon überzeugt, dass Träume große Bedeutung hatten. Sein Vater liebte alles, was ins Spirituelle ging und Traumdeutung war sein Lieblingsthema. Marc konnte dem wenig abgewinnen, aber er musste zugeben, dass die 100%ige Selbstsicherheit, die „Vaddern“ ausstrahlte, wenn er Marc ein großes Abenteuer voraussagte, ihn in seinem nicht-Glauben-wollen verunsicherte. Auch musste er zugeben, dass er das Gefühl der Allmächtigkeit, was er in der Gegenwart des Phönix spürte, auch gerne im echten Leben hätte. Heute war das erste Mal gewesen, dass er sich im Körper des Vogels gesehen hatte.

Vorsichtig manövrierte er seine Beine über den Rand des Bettes und setzte sich aufrecht an die Bettkante. Durch die kleinen Löcher im Plissee schien ein wenig Licht auf den weißen Holzrahmen seines Bettes. Im Lichtstrahl sah er kleine Staubfäden freudig umher tanzen. Laut schmatzend stellte er fest, dass er heute eine ganz besonders leckere Portion Papp Maul genießen durfte. „Lecker, lecker, lecker …“, geht es ihm durch den Kopf, als er sehnsüchtig in Richtung Bad blinzelt. Er greift sein Handy, was neben dem Wecker auf dem einfachen, schwarzen Nachttisch liegt. Heute Morgen hatte es einige spannende Textnachrichten für ihn parat. Unter anderem hatte sein bester Kumpel, den er Cruise nannte, ihm geschrieben: „Jo Marc, hast du deinen alten Wecker endlich weggeschmissen? Wenn der das nächste Mal noch da ist, wenn ich vorbei komme, schlafe ich nicht mit in deinem Bettchen“. Marc seufzte halb belustigt, halb genervt über den sarkastischen Kommentar seines Kumpels und schickte ihm einen Stinkefinger zurück. Cruise waren mit seinem Spitznamen kein Einzelfall. Generell gab er leidenschaftlich gerne ungefragt Spitznamen. Meistens kam das bei dem unfreiwilligen Glückspilz auch gut an. Für ihn war als hätte alles und jeder ein Schild vor dem Kopf kleben auf dem stand: „Liebt neue Spitznamen. Bitte sei kreativ.“
Liebevoll streichelte er seine treue, große Snooze-Taste oben auf seinem uralten Wecker, stand auf und schlurfte, sich mit der rechten Hand durch die kurze dunkelblonde Mähne fahrend, zum Fenster. Dort zog er das Plissee nach unten und öffnete dann das Fenster. Die hereinbrechende Wärmeflut überraschte ihn ein wenig. „Für Ende März ist richtig gutes Wetter“, freute er sich und beobachtete die Blätter der Eiche unter dem Fenster seiner Wohnung im 5. Stock, die sich kaum merklich bewegen. „Guten Morgen Marc. Du siehst scheiße aus, geh mal zum Frisör“, schallte es von der anderen Seite des kleinen Innenhofes rüber. Marc konnte ein verschlafenes lächeln nicht vermeiden und rief: „Ich hab dich auch lieb Nachbar.“ Abgesehen von einem vorlauten und manchmal wirklich sehr witzigen Nachbarn im Haus gegenüber seines Schlafzimmers hatte er schon richtig Glück, dass sein Onkel einige Mehrfamilienhäuser in Hamburg besaß. Der Wohnungsmarkt war das reinste Schlachtfeld. Ohne gute Kontakte eine Wohnung, wie seine, in guter Lage, zu kommen war fast ausgeschlossen. Die Nachfrage übertraf das Angebot 100 zu 1. In seinem Fall hatte ein vorsichtiges: „Duuuuuuhhh Jorgooos. Du hast doch dieses wunderschöne Altbau-Stadt-Haus in Eppendorf, wo in der gleichen Straße auch die ganzen anderen kunstvoll gestalteten Stuck-Fassaden aneinander gereiht sind. Da, wo du nur vom vor die Tür gehen gute Laune bekommst und die Muttis mit ihren Kindern Vormittags in den Cafés sitzen. Das Haus mit der einen schönen Altbauwohnung, die du gerade kernsanierst. Steht die danach zufällig frei und lechzt nach einem zuverlässigen und vertrauenswürdigen Mieter?“, gereicht. Auch die Tatsache, dass Jorgos (Ein weitere Spitznamen für seinen Vater) eigentlich Paul hieß, hatte ihn nicht davon abgehalten seinem Neffen die Wohnung zu vermieten. Er hatte sich schon daran gewöhnt, dass seine braunen Augen und der ungewöhnlich dunkler Teint, seinen Sohn dazu verleitet hatten ihn passend zu seinem griechischen Aussehen Jorgos zu taufen. Woher der familienuntypische Haut- und Haar-Typ, des Mitglieds einer Familie von sehr blonden und bleichen Nordlichter kam wusste keiner so recht.
Ein leichtes Lächeln macht sich auf seinem Gesicht breit als die Sonnenstrahlen seine Haut angenehm aufheizten. Das komplette Zimmer war jetzt taghell und so konnte er sehen, dass auf seiner geliebten kunstvoll eingerahmten Kopie von Casper David Friedrichs Meisterwerk: „Mann über dem Nebelmeer“, eine Spinne ihr Unwesen trieb. Angst hatte Marc keine, aber es störte dennoch sein Wohlbefinden. Da das Bild in seinem dunkelgrauen Stahlrahmen mittig an der Wand über seinem Bett thronte stieg er aufs Bett. Ein Taschentuch schwingend warf er sich todesmutig in den Kampf und nach 4 Sekunden hatte er seinen Gegner überwunden. Mit leicht angewiderten Blick warf er das Taschentuch mitsamt dem Achtbeiner in den Papierkorb vorm Fenster. Er schüttelte sich kurz und machte sich dann wieder gut gelaunt auf den Weg ins Bad.

Wenig später und frisch geduscht schritt er aus dem Badezimmer. Zufrieden tastete er mit der Zunge seinen Mundinnenraum ab und schmeckte einen willkommenen Rest des Minzaromas seiner Zahnpasta. Er nahm einen tiefen Atemzug und roch die restlichen, noch im Raum umherwirbelnden Partikel seines Lieblingsparfüm. Laut Beschreibung sollte es nach Leder und Sandelholz riechen. Auf jeden Fall gefiel es ihm, soviel wusste er. „So kann ein Tag starten“, sinnierte er vor sich hin und schlug sich, wie zur Bestätigung dessen, ein paar Mal wie ein Gorilla auf die Brust. In Marc’s hohem schwarzen Kleiderschrank mit schicker Klavier-Lack-Optik fand er auch heute ein schickes weißes maßgeschneidertes Hemd, seinen dunkelgrauen Lieblingsanzug und seine bordeauxroten Socken. Er streifte sich die Klamotten über, stellte sich vor den schmalen Spiegel im Kleiderschrank und betrachtete sich. Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck nach er auch noch einmal seinen frisch getrimmten 3-Tage-Bart unter die Lupe. Schnell verfeinerte er sein Outfit noch mit einem zu den Socken passenden Anstecktuch und dem schönen dunkelbraunen Wildledergürtel, den er vor einem Jahr von Oma Else zu seinem 28. Geburtstag bekommen hatte. Für Oma Else wollte er sich keinen Spitznamen ausdenken. Oma Else blieb Oma Else. Jedes Mal wenn er den Gürtel anzog musste er lächeln, weil er automatisch an Oma Else und bei Oma Else an Quarktorte denken muss. Es gab nichts, was für ihn mehr Liebe repräsentierte als Oma und diese handgemachte Leckerei, die es, so lange er denken konnte, jedes Jahr zum Geburtstag gegeben hatte. Heute Morgen sollte es allerdings keine Torte geben. Im Kühlschrank sah er eine halbleere Packung Salami und ein kleines, in Frischhaltefolie eingewickeltes Stück vom schweizer Gruyère, den er so gerne mochte. Nach einem Blick auf seine neue silberne Armbanduhr, die natürlich perfekt auf die silberne Gürtelschnalle abgestimmt war, wurde ihm klar, dass es heute nur eine Stulle auf die Hand geben würde. Also legte er kurzer Hand Salami und Käse zwischen zwei Brotscheiben und schritt Richtung Tür. Mit der Stulle im Mund band er rasch seine teuren ebenfalls dunkelbraunen Wildlederschuhe zusammen und verließ mit Aktentasche schnellen Schrittes das Haus.
Auch wenn Marc ein Auto besaß fuhr er die Strecke zur Arbeit lieber mit der U-Bahn, wenn es möglich war. Er besaß sogar ein sehr schönes Auto, wie er fand. Wenn er ganz genau war gehörte es ihm weniger, als dass es ein Firmenwagen war. Einen nagelneuen schwarzen Mercedes CLS mit großen 19-Zoll Leichtmetallfelgen hatte sein Chef ihm auf seinen Wunsch hin besorgt. An Tagen, wie diesen, wo er keine Außendiensttermine hatte war es allerdings zu frustrierend sich durch den anstrengenden Stadtverkehr zu schieben. Er wohnte zum Glück auch so günstig an einer U-Bahnstation, dass er nur knapp 20 Minuten zur Arbeit brauchte.
Kauend stieg er die Treppenstufen hinab in den U-Bahnhof, wo er auch schon seine Bahn einfahren sah. Dicht gedrängt stand eine Horde Frühaufsteher brav hinter der weißen Linie und wartete darauf, dass die Bahn endlich hielt. Auch heute roch es leicht muffig nach Öl, Metall und kalten Zigaretten. Die Bremsen der rot weißen U-Bahn quietschten unangenehm, bis der alte Haufen Stahl mit einem erlösenden Ruck zum Stehen kam. Klackend entriegelte die Tür und keiner stieg aus. Marc hatte schon fast vergessen, dass er U-Bahn fahren auch nicht so wirklich erquicklich fand.

Da Marc als letztes in die Bahn stieg war für ihn nurnoch wenig Platz. Er quetschte sich samt seiner Aktentasche in die Menschenmenge, die ihn nur missmutig in ihre Reihen aufnahm. „Mit gefühlten hundert Ellenbogen in Rücken und Bauch kann ich immerhin nicht hinfallen“, dachte er inzwischen schon etwas schlechter gelaunt. Da er keine Stange zum Festhalten in Reichweite hatte schwankte er beim Anfahren und jeder ruppigeren Bewegung des Waggons von einem Nachbarn zum anderen. Diese schickten ihn recht freundlich mit dem Ellenbogen wieder zurück. Nachdem er sich auf diese Art und Weise mit den meisten seinen direkten Nachbar bekannt gemacht hatte fing er an sich die Gestalten um ihn herum genauer anzusehen. Immer wieder aufs Neue war Marc von der mitleidserregenden Laune seiner Mitfahrer fasziniert. Egal wie sehr er sich bemühte, er konnte sich der kollektiven Trauerstimmung nicht ganz entziehen. Schweigend und mit gesenkten Kopf fuhren Sie dem entgegen, was zwischen ihnen und dem „wirklichen“ Leben Stand: Ihr Beruf. Auch, wenn es bestimmt auch freundliche Gesichter in der Bahn gab, fielen sie ihm schon lange nicht mehr auf. Er hatte noch nie verstanden, wie manche Menschen es fertig brachten jahrzehntelang in einem Job zu arbeiten, der Ihnen weiß Gott keinen Spaß machte. „Irgendwie muss ja die Butter aufs Brot kommen, nä“, mimte er in Gedanken einen Klischee Zombies, so wie er diese Art Menschen getauft hatte. Cruise hatte letztens angestachelt von ein paar Bier treffend gesagt: „Um ihren großen Schmerz ein wenig zu betäuben feiern sie Mittwoch schon Bergfest, Donnerstag den kleinen Freitag und ab Freitagnachmittag dann endlich das heißersehnte Wochenende. Die zwei Tage, an denen das „echte“ Leben stattfindet. Die zwei Tage, an denen die Peitschen des Kapitalismus für kurze Zeit im Schrank bleiben. Die zwei Tage, die nur Ihnen ganz alleine gehören und an denen sie sich endlich auch mal mächtig fühlen dürfen.“ Hier hatte er dann endlich das erste Mal kurz Pause gemacht, tief Luft geholt, nur um direkt wieder neu anzusetzen: „Endlich dürfen die kleinen Lemminge sich ihr Leid wieder mit Zigaretten, Alkohol, fettigem Essen oder härteren Drogen erträglich machen. Und das alles um dann als „Finale“ 15 Jahre als alte Säcke in Rente vorm Fernseher zu sitzen und sich gegenseitig beim körperlichen und geistigen Verfall zuzuschauen. Die Puppenspieler dieser grausamen Massenhypnose sind die Drecks-Medien und unsere Gesellschaft selbst, die diesen Mist auch noch als „normal“ akzeptiert. Dass uns ja keiner aus diesem perversen Hamsterrad ausbricht. EKELHAFT! Am gruseligsten sind diese Radiomoderatoren, wenn ich das manipulative Gewäsch nur höre … aaahhhh.“ Mitten bei diesem wütenden Schrei, den er mit seinem inzwischen hochroten Kopf und seinen geballten und drohend hoch in den Himmel gestreckten Fäusten visuell untermauert hatte, hatte Marc ihn unterbrochen. Die Hälfte der Gäste der Gartenparty, auf der die beiden eingeladen gewesen waren hatten angefangen dem viel zu lauten Cruise Blicke zuzuwerfen, die sagten: „Jap, ihr seid zu laut.“ Bei dem Thema konnte Cruise sich richtig in Rage geraten. „Vielleicht wird aus dir doch noch ein Philosoph“, hatte Marc gewitzelt.

Eigentlich war es nicht so, dass er wirklich etwas gegen die „Zombies“ hatte und wenn er sich oder sie beide bei zu abwertenden Aussagen erwischte, konnte er sich und Cruise immer besser im Zaum halten. Es fiel ihm aber trotz viel Arbeit an sich oft schwer Verständnis für den Lebensentwurf einiger seiner Mitmenschen zu haben. „Ich lebe nur einmal, also mache ich mir doch die Mühe gerade deswegen diese 40-60 Stunden in der Woche, in denen ich arbeite, so erfüllend wie möglich zu gestalten.“, hatte er mal in einem Buch gelesen und konnte sich mit der Denkweise gut identifizieren.
Was vor allem Marc’s Vater den beiden Chaoten vorwarf war, dass es zwar toll war, dass die beiden einen Job hatten, der Ihnen Spaß machte und sie gutes Geld verdienten, sie aber nur am Lästern waren. Keiner der beiden hatte einen Versuch unternommen ein funktionierendes System zu entwerfen, welches Millionen von Menschen ernährt und gleichzeitig bewusstere und glücklichere Menschen produzierte. Das hatten die beiden eingesehen und daher waren sie inzwischen stets bemüht rücksichtsvoll mit ihren Mitmenschen umzugehen und ab und zu hatte einer der beiden auch schon einen ganz passablen konstruktiven Gedanken gehabt. Ein Schulfach für positives Denken war ihre beste Idee bisher.
„Heute werde ich die Welt wohl auch noch nicht retten“, dachte er und lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Zeitung seines Nebenmannes. „Rekordtief der SPD – Ist sie noch zu retten?“, las Marc die Überschrift ganz oben. Im Text stand sinngemäß: „Die altehrwürdigen Parteien, allen voran die SPD, sind langweilig und langsam. Parteien mit extremeren Standpunkten erhalten immer mehr Zulauf.“ Für Politik hatte er sich noch nie interessiert. Alles, was er bisher in den Medien oder öffentlich von den Parteien wahrgenommen hatte schien ihm so unendlich oberflächlich. Zudem frustrierte ihn, dass so viele Menschen andauernd nicht seiner Meinung waren. Dank seines BWL-Studiums bildete Marc sich ein, dass er zumindest die wirtschaftlichen Aspekte ganz gut einschätzen konnte. Bei dem Gedanken an die Parteien, die manche Menschen wählten, bekam er regelmäßig das dringende Bedürfnis seinen Kopf einige Male stark auf die Tischplatte zu schlagen.

Mit einem lauten: „Quiiiiiietsch“, der Bremsen hielt die Bahn endlich an seiner Halstestelle. Er befreite aus der übervollen Bahn und fühlte sich dabei ähnlich, wie ein Sektkorken, der sich mühsam aus dem viel zu engen Hals einer Sektflasche befreit. „Plop“, machte Marc mit einem amüsierten Grinsen im Gesicht und schaute sich um. Keiner lachte.
Auf dem Bahnsteig schüttelte er sich kurz und begann den Aufstieg zum Tageslicht und weiter in das Bürogebäude der Bubbles GmbH, dem erfolgreichsten lokalen Hersteller von zuckerhaltigen Erfrischungsgetränken, wie Limonaden und Eistees. Marcs Büro war im 8. Stock des schicken Neubaus mitten in der Hamburger Innenstadt. Er wollte sich grad in seinem großzügigen Eck-Büro hinsetzen und die aktuellen Mails checken, da fing sein Handy an zu klingeln. Es stellte sich raus, dass Norbert ihn sehen wollte. Norbert, oder wie die meisten anderen ihn nannten „Herr Miller“ war der stellvertretende Geschäftsführer des Familienunternehmens. Als Marc in die Firma kam hatte Norbert den Posten des Vertriebsleiters Nord, den Marc 8 Jahre später nun selbst bekleidete. Die beiden hatten damals viel Zeit miteinander verbracht und aus einem langen Abend an der Bar nach einem gemeinsamen Vertriebsausflug in den Schwarzwald war eine fast freundschaftliche Beziehung der beiden geworden. Seit dem durfte er ihn, wenn sie unter sich waren, Norbert nennen. Freunde konnte man die beiden jetzt auch nicht wirklich nennen, da Norbert einen recht strengen Führungsstil an den Tag legte und sich davor scheute zu viel Nähe zu seinen Mitarbeitern zu haben. Das erkannte man auch daran, dass Marc sich nicht getraut hatte Norbert einen Spitznamen zu geben, wenngleich ihm nach dem Abend an der Bar so tolle Namen, wie „Captain Cola“ auf der Zunge gelegen hatten. Stolz war Marc auf jeden Fall darauf, dass er als einziger das Privileg hatte ihn beim Vornamen zu nennen. Er führte es auf seine Fähigkeit zurück besonders gut zuhören zu können. Zudem war es ihm zumindest seit dem Erwachsenenalter immer wieder aufgefallen, dass Menschen sich unheimlich schnell mit ihm anfreundeten. Es war ihm fast unheimlich, wie schnell er mit den unterschiedlichsten Menschen eine Beziehung aufbauen konnte.

„Brilliant“, lobte ihn Norbert als er durch die schöne Glastür ein Stockwerk höher herein kam. Norberts Eck-Büro war noch ein Stückchen größer, freundlicher und wichtig aussehende als Marc’s eigenes. Bei Bubbles wurde Leistung belohnt und Anerkennung war wichtig und so erkannte man die Verantwortung, die jemand trug in der Regel an der Größe des Büros, dem Stockwerk oder der Anzahl persönlicher Assistenten. Norberts Büro war das 2. Größte, im höchsten Geschoss mit jeweils einem Assistenten und einer Assistentin. „Niemand hier in diesem Laden versteht die Dinge so schnell, wie du“, legte Norbert gut gelaunt nach. „Ich habe mir die Berichte unseres neuen CRM Programms für den Februar gezogen und deine Truppe ist die einzige, die ihre Kunden richtig eingetragen hat. Ich werde nächste Woche noch ein Extra-Meeting machen und möchte dich bitten den Chaoten aus den anderen 3 Bereichen anhand eurer konkreten Beispiele zu zeigen, wie das Ganze in der Praxis funktioniert. Vielleicht verkaufst du ihnen dabei unterschwellig auch noch wie viel Spaß das ganze macht. Würdest du das für mich tun?“, sagte Norbert weiter und schaute Marc dabei hoffnungsvoll an. Marc nickte und gab ein kurzes: „Logo“, von sich. Gut gelaunt strahlte Norbert ihn an und stand aus seinem Bürostuhl auf, um Marc zur Tür zu begleiten. „Auf dich kann man sich einfach verlassen“, beendete Norbert zufrieden das Gespräch und ging pfeifend zurück an seinen Schreibtisch. „Na da ist ja jemand gut drauf“, dachte Marc auf dem Weg nach unten in sein 5. größtes Büro im 2. höchsten Geschoss mit einem Assistenten. Tatsächlich hatte dieses kurze Gespräch seine Laune wieder deutlich gebessert, nachdem er am Ende der Bahnfahrt wirklich damit kämpfen musste gut drauf zu bleiben. Es war nicht das erste Mal, dass Marc etwas am schnellsten begriffen hatte und umgesetzt hatte, aber dies war eine Stärke, für die er nach wie vor besonders gerne Kompliment annahm.

Wieder zurück in seinem Büro setzt er sich mit stolz geschwellter Brust auf seinen eleganten schwarzen Drehstuhl mit Echtlederbezug. Den hatte er sich zu seiner Beförderung gewünscht und dank seiner guten Beziehung zu Norbert hatte das dann auch geklappt. Wie schon erwähnt, gute Leistung wurde hier belohnt und anerkannt. Man merkte an Marc‘s Gesichtsausdruck, dass das etwas war, was Marc bei Bubbles besonders gut gefiel. Das einzige Negative bezogen auf seinen Job, was Marc ab und zu durch den Kopf ging war, dass er selbst nie Limonaden etc. trank. Auch verstand er nicht, warum generell jemand sich freiwillig unnötiges Zuckerwasser in den Rachen kippte. Am Ende hatte er für sich akzeptiert, dass die Menschen das Zeugs eh trinken würden, ob er ihnen die Kisten nun zuschickte oder jemand anders. Abgesehen davon war der Job ein Traum. Als Vertriebsleiter Nord war er für 5 Vertriebler und seinen Assistenten zuständig, die gemeinsam mit ihm Restaurants, Cafés, Eisdielen und ähnliche gastronomische Betriebe akquirierten. Die meiste Zeit konnte er das tun, was er am liebsten tat: Autofahren. Er empfand es schon fast wie eine Meditation. Vor allem Abends, wenn es dunkel war und es keine optischen oder akustischen Ablenkungen gab drehte er seine liebste House Playlist voll auf und flog in Ektase nur so über die Autobahn. Wenn er nicht alleine oder mit seinen Vertrieblern auf der Straße unterwegs zum Kunden war erledigte er Bürokram oder führte gemeinsam mit seinem Team Verkaufsgespräche am Telefon, um Termine für die folgende Woche zu generieren. Auch von seinen Mitarbeitern bekam er viel Anerkennung und es machte ihm Spaß ihnen beim Überwinden ihrer Ängste zu helfen. Er hatte das Gefühl, dass sie jede Woche ein Stückchen besser wurden.
Nach einem wenig bewegenden Vormittag machte sich die Mittagspause bemerkbar. In diesem Fall durch das Klopfen von Norbert an Marcs Bürotür. „Italiener?“, fragt er seinen Chef, der gerade seinen Kopf durch den Spalt der sich öffnenden Tür geschoben hatte. Norbert schien wohl noch Gesprächsbedarf zu haben.

Das Mittagessen wurde wie gewohnt in Windeseile verspeist und ehe Marc sich versah war auch der Rest des Tages verflogen. Zu Hause angekommen öffnete Marc seinen Kühlschrank. Er war grad noch schnell einkaufen gewesen so verstaute er Lauchzwiebeln, Paprika, Brokkoli und andere gesunde Dinge im Kühlschrank. Seine Augen schauten nach dem vollen Tag merklich müder drein, als bei seiner hitzigen Diskussion heute Mittag mit Norbert. Als er so vor dem offenen Schrank stand und im Kopf die Zeit überschlug, die er jetzt noch mit schneiden und kochen verbringen würde sackten nach seine Mundwinkel deutlich nach unten. Marc nahm sein Handy, ging ein paar Schritte und setze sich auf das Ledersofa in der Wohnzimmerecke des Ess- und Wohnzimmers. Ein paar Swipes später lief seine Lieblingsserie und noch ein paar Swipes später war eine schöne große Pizza bestellt. „Heute ist Freitag, da darf ich mich belohnen und da das Gemüse schlecht wird werde ich mich die nächsten Tage eh noch gesund genug ernähren“, verkaufte es sich seine Entscheidung im Nachhinein. Er hob sein T-Shirt und kniff sich in die Bauchfalte. „Eine geht“, sagte er stolz auf die Trainingserfolge der letzten Wochen. Mit skeptischem Blick mustert Marc die Mindmap, mit dem Wort „Business“ in der Mitte. Immer wieder hob er in Gedanken den Stift auf dem Tisch vor ihm und begann zu schreiben, aber auch heute wollte die Hand irgendwie nicht folgen. Einige weitere vergebliche Versuche der Telekinese später klingelte es an der Tür und die Entscheidung, ob er noch an seiner großen Geschäftsidee weiterarbeiten würde wurde ihm zu seiner Erleichterung vom Pizzaboten abgenommen.
Mit der schweren Pizza im Magen war er danach logischerweise auch nicht mehr in der Lage hohe kognitive Leistungen abzuliefern, daher vertagte er das To Do lieber auf morgen. Immerhin ging es ja um nichts. Er hatte einen tollen Job, verdiente super Geld und auch sonst hatte er eigentlich alles, was er brauchte. Manchmal wusste er gar nicht, warum er sich den Stress mit dem eigenen Geschäft überhaupt antat, immerhin ging das alles von seiner wertvollen Freizeit ab. Einzig die Gespräche mit Norbert und die Biografien erfolgreicher Unternehmer, die er gerne las, ließen in ihm immer wieder diesen Wunsch entstehen. Den Wunsch etwas zu machen, was zu 100% seins war und wo er zu 190% von überzeugt war. Manchmal war er sich nicht sicher, ob er in Anbetracht seiner komfortablen Situation nicht vielleicht sogar stolz auf sich sollte, dass er bereits 5 Wörter auf Papier gebracht hatte. Heute war er auch jeden Fall zu müde weiter darüber nachzudenken also konzentrierte er sich auf Pizza und Serie und schlief ein paar Stunden später vorm Fernseher ein.

Kapitel 3: Ein mysteriöser Fund

Samstag gegen 9 Uhr wird Marc von einem kribbelnden Gefühl in der Magengegend geweckt. Der Tag schien sich irgendwie besonders anzufühlen. Er schaute an die Wand und konnte auf der Uhr 9 Uhr erkennen. Er wachte sonst nie morgens um 9 einfach so auf. Ein Adrenalin-Stoß durzuckte seinen Körper und er war sofort hellwach. „Ist das der Tag an dem mein Abenteuer beginnt? Ist das das, wovon Vaddern die ganze Zeit gesprochen hat? Mein Abenteuer?“, dachte er aufgeregt. Sein Herz schlug immer schneller. Da hörte das Kribbeln plötzlich auf. Verwundert tastete er unter seinen Bauch und fand sein Handy. Ein verpasster Anruf von Sina. „So viel zu meinem Abenteuer“, dachte er enttäuscht. Er hatte jetzt zwar sein vibrierendes Handy als Quelle des Kribbelns in der Magengegend identifiziert, aber das Gefühl, dass sich heute etwas außergewöhnliches ereignen würde ließ ihn trotzdem nicht mehr los. Vielleicht würde er ja heute dem Phönix im echten Leben begegnen. Er rief Sina zurück und meldete sich mit einem fröhlichen „Jo, du hast mich geweckt“. „Na du hörst dich ja überraschend topfit an“, begrüßte Sina ihn. „Der Tatsache, dass ich dich mit meinem Anruf wecken konnte entnehme ich, dass du mal wieder auf deinem Sofa eingeschlafen bist?“ „Jop“, gab er seinen Fehltritt zu. „Was treibt dich um zu einer solch gottlosen Stunde Göttin?“ Sina oder Göttin, wie er sie nannte war eine wahnsinnig tolle Frau. Sie hatten sich während ihres Praktikums bei Bubbles kennengelernt und sofort die Funken sprühen gelassen. Schon während des Praktikums war klar die Anziehung offensichtlich, aber es dauerte noch bis nach dem 6 Monatigen Praktikum, bis Marc es für angebracht gehalten hatte sie nach einem Date zu fragen. „Ich liebe es, wenn du mich so nennst!“, sagte sie und man konnte ihr Strahlen förmlich hören. „Was machst du heute noch so?“ Den Spitznamen Göttin hatte sie quasi selbst gewählt, weil sie immer davon erzählte, dass sie gerne so wahrgenommen werden würde, als hätte sie die Aura einer Göttin. Marc unterstützte dieses Vorhaben liebend gerne in dem er ihr den Wunsch bei jeder Gelegenheit ins Unterbewusstsein gravierte. Marc hatte sich inzwischen aufgesetzt und rieb sich mit dem linken Handballen Augen. Er gähnte laut und sagte: „Du fragst mich aber komplizierte Sachen an einem Samstagmorgen. Lass mich überlegen. Hmmmm … Top, Sport habe ich gestern Abend auch vergessen. D.h. Sport und an meinem Business arbeiten. Du so?“ „Noch nichts …“ „Cool. Viel Spaß dabei dann nä“, sagte Marc und unterdrückte ein Grinsen. „Du bist doof“, sagte sie ein wenig gekränkt. Natürlich hatte er den wink mit dem Zaunpfahl verstanden, aber so langsam floss die Lebensenergie wieder durch seinen Körper und mit ihr auch der Schelm in ihm. „Was hältst du von 13 Uhr im Park?“, sagte er schließlich nach einer kurzen Pause. „Machen wir. Holst du mich zu Hause ab?“ Marc meinte durch den Hörer ihre Wimpern klimpern hören zu können. „Sicher doch. So, wie es einer wahren Göttin gebührt. Bis später.“ „Ciao“, hauchte Sie ihm zum Abschied zu und legte auf.

Vor ihm auf dem Wohnzimmertisch lag die Pappe seiner Pizza halb über seiner Business-Mindmap. Er stand auf und ging rüber in sein Schlafzimmer. Ein wenig verstrahlt stand er einige Minuten einfach so dort und schaute sich die Gegenstände in seinem Schlafzimmer an. Am besten schien ihm sein gemachtes Bett zu gefallen. Er hatte das Gefühl, dass es irgendwie nach ihm rief. Vorsichtshalber zog er seine Straßenklamotten, die er noch vom Vortag am Körper trug, aus und begab sich unter seine Bettdecke. So gut, wie sich das anfühlte, dachte er würde sicher nicht schaden hier noch kurz ein paar Minuten auszuruhen, bevor er sich an seine Tagesaufgaben machte. Er gab ein zufriedenes Gähnen von sich und schloss die Augen.
Als Marc seine Augen wieder öffnete war es Mittag. Die Sonne schien durchs Fenster und die runde Uhr an der Wand zeigte 12:04 an. Mit einem Ruck schubste er seine Beine über die Bettkante und setzte sich auf. „So wie es aussieht werde ich alles heute Nachmittag erledigen“, dachte er und zuckte mit den Achseln. Schnell huschte er unter die Dusche, bereitete sein Wochenendoutfit bestehend aus einem schlichten weißen T-Shirt und einer dunkelgrauen Chinohose zusätzlich zu seiner beliebten Wildlederkombi. Wie so viele spannende Dinge hatte Marc im Internet von der „Interchangable Wardrobe“ erfahren. Die Idee war so einfach, wie sie genial war. Es gab einen Grundstock an Klamotten, die nach belieben miteinander kombinierbar waren. So konnte Marc seine Wildlederschuhe sowohl zum Anzug, als auch zum legereren Outfit anziehen und es sah immer gekonnt aus. Zudem sparte es ihm eine Menge Zeit, weil er nicht überlegen musste, ob Kleidungsstücke zusammenpassten. Da alles entweder, bordeauxrot, dunkelblau, grau oder weiß war passte jede Kombination problemlos. Er hatte sich inzwischen sogar noch eine Garnitur weißer Sneaker besorgt, wenn er sich besonders freizeitlich fühlen wollte.
In dem schmalen Spiegel an seinem Kleiderschrank betrachtete er sein Werk von jeder Seite. Ein wenig später erwischte er sich dabei, wie er prüfend seinen Bizeps anspannte. Durch das Home-Workout Equipment, was er sich vor einigen Jahren gekauft hatte, konnte man ihm eine gewisse Grundmuskulatur nicht abstreiten. Wenn er auf „echte“ Pumper traf kam er sich allerdings eher wie ein Schmalhans vor. In der Gegenwart von „normal“ trainierten Menschen fühlte er sich wiederum immer sehr vorbildlich mit seinen gut sichtbaren Muskelansätzen. Trotz des heute immernoch fehlenden Krafttrainings fühlte er sich selbstbewusst und machte sich auf den Weg.
Sein Auto stand gut behütet in einer Tiefgarage eine Straße weiter. Er verließ also die Hauseingangstür und schlenderte die Straße entlang, während er summend die liebevoll verschnörkelten Häuserfassaden betrachtete. Auf dem kurzen Fahrtweg zu Sina fiel im ein, dass er noch gar nichts gegessen hatte. Er würde unterwegs schon etwas finden dachte er bei sich. Die Straßen waren heute nur wenig befahren, daher kam er zügig voran und erreichte die Straße, in der Sina wohnte. Er schrieb ihr schnell, dass sie rauskommen konnte und stieg aus, um ihr, wie es einer Göttin gebührt die Tür zu öffnen. „Hallo schöner Mann“, begrüßte Sina ihn als sie beim Auto angekommen war. Sie trug ein für die noch milden Temperaturen ein wenig zu dünnes Sommerkleid, was aber den Vorteil hatte, dass Marc ihre schönen gut trainierten Beine sehen konnte. „Hallo Göttin. Bereit für ein Erlebnis der besonderen Art?“, erwiderte er. Gemeinsam fuhren Sie zum Stadtpark, ihrem Lieblingsplatz, wenn es warm genug war. Heute war es quasi warm genug. Die Sonne erweckte den Eindruck eines heißen Sommertages und die kühle März-Luft sorgte dafür, dass der Eindruck nur kurzweilig war. Zum Glück hatten beide Sommerjacken dabei und sommerliche Gedanken im Kopf.

Nachdem Marc das Auto geparkt hatte umrundete er das Auto schnell, um seiner Begleitung wie ein wahrer Gentleman die Tür zu öffnen. „Danke“, sagte sie freundlich und stieg ebenfalls aus dem Auto. Sina verstand nichts von Autos, aber seins, so beteuerte sie immer wieder, gefiel ihr wirklich gut. Hand in Hand schritten die beiden durch den großzügig angelegten Park. Hier und da blieben sie stehen um liebevoll rumzuknutschen und sich über die letzten Wochen zu unterhalten. „Und wie läuft es auf der Arbeit?“, fragte sie nachdem sie sich gerade auf eine Parkbank vor einem Blumenbeet gesetzt hatten. Sina hatte irgendetwas an sich, was in Marc die wildesten und animalischsten Urinstinkte auslöste. Ihm lief gerade wieder ein Schauer über den Rücken, als er ihr Bein berührte. Sie genoss es sichtlich bei ihm solche Reaktionen auszulösen, aber für das seriöse vorankommen des Gespräch der beiden war es gut, dass sie sich an einem öffentlichen Ort aufhielten, wo er gezwungen war seine Finger weitestgehend von ihr zu lassen. „Joa ganz gut. Der Vertriebsleiter West liegt im Umsatz leider leicht vor mir diese Woche, aber wir haben ein paar große Deals in der Pipeline, die nächste Woche wahrscheinlich reinkommen werden und dann hab ich ihn auch wieder im Sack, die alte Pastinake“, sagte er und schaute Sie überlegen an. Sie setzte ihren fragensten Gesichtsausdruck auf und zwinkerte ihm zu als sie fragte: „Du, der Meister des Umsatzes, überholt von einer Pastinake? Ich dachte du kannst Vertrieb?“ „Haha, sehr lustig.“ „Ja, ich kenne meinen Held doch sonst nur mit weitem Abstand zur Konkurrenz“, sagte sie und hauchte ihm einen Kuss zu. Jetzt zwinkerte er ihr zu. Er mochte Sina wirklich gerne und das nicht nur, weil sie offensichtlich sein größter Fan war. Sie hatten viele gemeinsame Interessen hatten auch immer eine gute Zeit, wenn sie zusammen unterwegs waren. Trotzdem spürte Marc jetzt gerade und eigentlich jedes Mal, wenn die beiden sich trafen, dass irgendetwas fehlte. Die beiden trafen sich jetzt seit knapp 2 Monaten immer wieder mal sporadisch, aber die ganz große Emotionswelle war bisher ausgeblieben. „Komm, lass uns noch ein wenig gehen“, sagte er und das Duo marschierte Hand in Hand weiter durch den Park.
Auf dem Weg zurück nach Hause klingelte sein Handy. „Ey Bro, Wie geht’s?“ Gut, dir?“ „Ja auch gut. Ich bin nachher gegen 20 Uhr auf einer Party vom Kollegen und wollte fragen, ob du mitkommen willst?“ Marc überlegte kurz. Es war jetzt 17 Uhr und, wenn er nach dem Sport noch duschen wollte hatte er ganze 30 Minuten fürs Business, bis er wieder los müsste. Nachdenklich kratzte er sich am Kinn. Das würde bedeutet, dass er heute schon wieder genau nichts schaffen würde. Er rollte mit den Augen. „Hallooooo?“, kam es aus den Autolautsprechern. „Ja ich bin schon noch anwesend“, sagte Marc. „Ich muss gerade kurz mal überlegen, ob ich schon wieder Business quitte, nachdem ich gestern schon geschwänzt habe.“ „Ich hab gehört, dass mein Kumpel Maik, der die Party veranstaltet, leider viele Absagen von Kerlen bekommen hat und deswegen 70% Frauen da sind. Just sayin.“ „Fick dich. Du kennst mich zu gut. Nagut ich bin dabei“, sagte Marc, lachte und ärgerte sich in Wirklichkeit nur ein kleines bisschen, dass er jetzt wieder nicht an seinem großen Traum arbeiten konnte.

Wieder zurück in der Garage schloss er seinen Wagen ab und machte sich auf den Weg zu seiner Wohnung. Auch jetzt konnte er sich wieder über die Schönheit der Straßen freuen. Während er so dahinflanierte merkte er, dass sich irgendetwas anders anfühlte als bei seiner Abfahrt. Er blieb stehen, schaute sich um, konnte aber nichts ungewöhnliches entdecken, also ging er weiter. Es war weder viel kälter oder wärmer geworden. Die Lichtverhältnisse waren zwar schlechter, aber es war immernoch lange vor Sonnenuntergang. Auch die Menschen sahen alle normal aus. Keinem außer ihm schien etwas aufgefallen zu sein. Sie gingen alle mal mehr oder weniger fröhlich ihren Menschendingen nach. Aus einem für ihn unerklärlichen Grund hatte er das Gefühl, dass er vorsichtig sein sollte. Auf einmal hatte er eine Eingebung und reckte gerade noch rechtzeitig den Kopf nach oben um … dort auch nichts zu sehen. Mit skeptischer Miene blieb er noch einmal stehen und schaute sich um. Das merkwürdige Gefühl wollte einfach nicht verschwinden also ging er langsam weiter. Als er in seine Straße einbog sah er dann schon aus der Ferne tatsächlich etwas. Ein eckiger ungewöhnlichen Gegenstand ungefähr auf Höhe seines Hauses. Als er weiterging sah er ihm immer klarer. Vor seiner Haustür schien ein Paket zu stehen. Marc’s Nackenhaare stellten sich auf. Die Reaktion seines Körpers schien ihm sichtlich übertrieben, aber anscheinend schien der sich zu verselbstständigen. „Ruhig Brauner. Brrrr“, versuchte er sich selbst in Gedanken zu beruhigen. „Es ist nur ein Paket, was vor meinem Haus steht. Fertig. Pakete sind ganz normale Alltagsgegenstände“ Er konnte sich auch nicht wirklich dran erinnern, wann seine Nackenhaare sich das letzte Mal aufgestellt hatten. „Da steht ein Paket vor meiner Tür und das Tier in mir aktiviert einfach mal den Überlebensmodus. Danke liebe Vorfahren. Ich bin mir sicher vor 100.000 Jahren waren Pakete höchstgefährlich. Heutzutage ist es allerdings wirklich praktisch, wenn man sich einem Paket nähern kann ohne sich dabei einzunässen. Einmal Entspannungsmodus an bitte“, dachte er und hoffte, dass das sein körpereigenes Alarmsystem beruhigen würde. Marc bemühte sich sich nichts anmerken zu lassen und ging kaum merklich langsamer weiter zur Haustür. Auch als er näher kam konnte er keine Besonderheiten erkennen. Rechts neben dem Eingang stand ein brauner Umzugskarton mit einem grünen Zettel darauf. Wenige Schritte später stand er dann direkt vor dem wirklich absolut normalen und ziemlich neu aussehenden Karton. Marc betrachtete seine Hände. Jetzt standen sogar die feinen Härchen auf seinen Fingern, von denen er gar nicht wusste, dass er sie besaß. Das einzig ungewöhnliche, was er erkennen konnte war der grüne Zettel, den jemand darauf geklebt hatte.
Auf dem grünen Schild stand: „Zu verschenken“. Marc schüttelte den Kopf. „Irgendwelche Leute stellen andauernd Sachen vor die Tür, die sie nicht mehr brauchen, damit andere, die sie gebrauchen können sich darüber freuen. Soweit alles entspannt“, ging ihm durch den Kopf als er abwartend vor dem Schild stand. Langsam öffnete er den Karton und schaute hinein. In dem Karton waren Bücher. Alle möglichen Bücher. Anscheinend hatte jemand seine private Bibliothek aufgelöst. Marc begann sich die Buchtitel anzuschauen. Er entdeckte neuere Bücher, wie „Harry Potter“ oder „Eragon“, aber auch Klassiker, wie „Don Quijote“ in dem Stapel. Ein Teil der Bücher war fest eingebunden und manche waren im Taschenbuchformat. „Schade, dass ich nur Hörbücher höre“, dachte er so als er die hübschen Einbände sah. Er überlegte kurz, ob er sich eins der Bücher einfach so als Einrichtungsgegenstand mitnehmen sollte. Vorsichtig wühlte er tiefer und zog 3 alt aussende Bücher mit dunkelbraunem Ledereinband und goldener Schrift aus den Stapeln. Er schloss den Karton und legte sie oben auf den Deckel, um sie besser inspizieren zu können. Das eine Buch war eine alte Brockhaus Enzyklopädie, in die im Internetzeitalter wahrscheinlich nie wieder jemand gucken würde. Das zweite war eine alte Kopie von „Don Quijote“ und das dritte war irgendwas. Außen konnte man außer einem großen doppelten „J“ nichts erkennen. Neugierig ging er in die Hocke, um ein wenig in dem Buch zu blättern. Das erste, was ihm auffiel war, dass es eindeutig in Französisch geschrieben war. In der Schule hatte er zwangsläufig Französisch lernen müssen, aber da ihm diese Sprache nie so wirklich Spaß gemacht hatte, konnte er kaum noch etwas davon. Zudem war das ganze Buch, anders als die anderen beiden, fein säuberlich mit dunkelblauer Tinte und wahrscheinlich einem guten Füllfederhalter geschrieben worden. „Moment mal“, dachte er und bewegte seine Nase dichter an das Buch. „Da scheint jemand eine ganze Menge gutes Parfüm benutzt zu haben, wenn das jetzt immernoch so gut riecht.“ Er nahm eine leicht blumige Note wahr. Bei wiederholten riechen meinte er Birne zu entdecken. Ein wenig später auch Rosenduft und Vanille. Jetzt bekam Marc auch noch Gänsehaut. Er zitterte kurz, als eine Welle, wie ein warmer Schauer von seinen Fingerspitzen an über seinen ganzen Körper zog. „Die Frau weiß, was sie tut“, lobte er die Unbekannte in Gedanken. Er kniff sich die Augen zusammen und atmete zwei Mal durch den Mund, um sich wieder konzentrieren zu können. Mit geschlossenen Augen hatte er direkt ein grobes Bild dieser Frau vor Augen. Eleganz und weibliche Sinnlichkeit waren die ersten beiden Assoziationen, die er ihr auf Grund des Geruchs zuschrieb.

Er öffnete wieder die Augen und blätterte die Seiten durch. Anscheinend waren die Seiten ursprünglich blank gewesen, sodass man sie nach Belieben hatte füllen können. Julie war der Name, mit dem jeder Seite unterschrieben war. Auch wenn er kaum etwas lesen konnte, erkannte er doch recht schnell an dem Aufbau der Seiten, dass es eine Art Tagebuch sein musste. Leider konnte er nirgendwo Tag, Monat oder Jahr erkennen. Anscheinend hatte Julie einfach immer einen Beitrag nach dem anderen verfasst, wenn ihr danach gewesen war. Da er ohne Übersetzer hier wohl nicht weiterkommen würde beschloss er die 3 Bücher mit in seine Wohnung zu nehmen und sich dem hübschen Tagebuch wann anders wieder zu widmen. Er stand auf und ging die Treppenstufen hinauf zu seiner Wohnung. Er stellte beruhigt fest, dass sein Körper inzwischen wieder komplett entspannt war. Was auch immer sein Körper ihm hatte sagen wollte, es war wohl erledigt.
Als Marc in sein Schlafzimmer kam war es bereits 18 Uhr. Hastig suchte er seine Sportsachen raus, zog sich um und verließ das Haus um eine Runde laufen zu gehen. Die Sonne stand gerade noch hoch genug, um Marc einen warmen wohligen Schauer über seinen Körper wandern zu lassen. Immer schneller werdend lies er den Hauseingang und den Karton mit den grünen Schild hinter sich. An einem Ausläufer der Alster, der durch seinen geraden Verlauf ein einen Kanal erinnerte, war eine ausgedehnte Parkanlage angeschlossen. Das war Marcs liebste Laufstrecke und auch heute war er keine 5 Minuten nachdem er das Haus verlassen hatte dort angekommen. Im vorbeilaufen winkte er ein paar Obdachlosen zu, die es sich wie jeden Tag auf einer Parkbank in der langsam untergehenden Sonne gemütlich gemacht hatten. Eine leicht kühle Briese strich Marc durchs Gesicht, als er in entspannten Tempo am Wasser entlang lief. Solange die Ermüdung noch nicht einsetzte empfand Marc Laufen als wirklich befreiende Erfahrung. Bei gutem Wetter lösten die ersten Minuten verbunden mit den Melodien seiner liebsten Trance-Musik ein ekstatisches Hochgefühl aus. Jetzt nach 15 minütigem Joggen war davon nichts mehr zu spüren. Aber da Marc gelesen hatte, dass Ausdauertraining positive Auswirkungen auf die kognitive Leistungsfähigkeit haben sollte, war er auch für die etwas mühseligeren Kilometer hochmotiviert.

Ein wenig später war er auch schon wieder zurück bei seiner Wohnung. Er hatte jetzt noch etwas über eine Stunde für Duschen, Essen, Krafttraining und Business. „Schadeee“, dachte er nur und begab sich in unter die Dusche. Nach dem Duschen war nicht viel Zeit für andere Dinge außer Essen. Er bereitete sich einen kleinen gemischten Salat mit reichlich Nüssen und Kernen zu und verließ erneut unverrichteter Dinge das Haus. Da er sich heute mal etwas an der Alkoholauswahl bedienen wollte lies er sein Auto hier und organisierte sich eins über einen Carsharingdienst. Cruise und er hatten sich vor dem kleinen Haus in einer der netten Wohngegenden am Rande von Hamburg verabredet. Als Marc sein Auto geparkt hatte und durch die von kleinen Büschen und Bäumen gesäumte Straße lief sah er Cruise schon rauchend vor einem sympathischen kleinen Einfamilienhaus stehen. „Na du Partyraucher“, begrüßte er seinen Freund als er fast angekommen war. Cruise war nach der Meinung der meisten Frauen ein wirklich gut aussehender Mann. Er hatte perfekte Haut, ebenmäßige Gesichtszüge und aristokratische hohe Wangenknochen. Das war es auch, was Marc an seinem besten Freund als einziges nicht gefiel. Wenn die beiden zusammen unterwegs waren wurde Cruise andauernd von Frauen angebaggert. Marc selbst war auch keineswegs hässlich und inzwischen auch kräftiger gebaut, aber gegen das Modelgesicht seines Freundes kam er nicht an. „Jo Marc du Nicht-Raucher. Da drin findet eine Party statt, also gilt das jetzt quasi schon als Partyrauchen oder?“, bekam er von Cruise als Antwort. Marc belohnte ihn mit einem Daumen nach oben. „Wollen wir rein?“ „Jup, eine Sekunde“, sagte Cruise, warf die Zigarette auf den Boden und trat drauf. „Let’s go.“

Die Tür war nur angelehnt, also konnten die beiden ungehindert eintreten. Im Haus empfing sie eine Gruppe Gutgelaunter mit einem Bier in der Hand, die sich stehend im Wohnzimmer verteilt hatten. Die Einrichtung war vor allem einfach, aber stilvoll. Marc fühlte sich sofort willkommen, was vor allem an einer Besonderheit lag. Der Gastgeber Alex war ein alter Schulfreund von Cruise und anscheinend ein Pflanzenliebhaber mit dem grünsten Daumen, den Marc jemals gesehen hatte. Das Wohnzimmer glich einem Urwald. Ringsherum um die Zimmer waren Blumentöpfe aneinander gereiht, deren grüne Pracht Teilweise bis unter die Decke reichte. Er erkannte die eine oder andere Palmenähnliche Pflanze und weiter unten Farne. Der Rest sah zwar auch nach Urwald aus, aber zuordnen konnte er keine der anderen Gewächse. In Mitten dieser natürlichen Umgebung standen vereinzelte Möbel. Im Wohnzimmer waren das aktuell nur 2 Sofas und ein Tisch. Darum verteilt standen ein knappes Dutzend gutgelaunter Partygäste, die zur belebenden elektronischer Tanzmusik im Takt nickten. Die Küche war vom Wohnzimmer lediglich durch eine kleine hüfthohe Theke unterbrochen. Zwei Gästen schien die Musik sogar so gut zu gefallen, dass Sie die gefühlvollen Melodien mit kreisenden Bewegungen der Hände untermalten. Auf der Theke standen diverse Getränke zum selber mixen bereit, die die beiden Neuankömmlinge als erstes ansteuerten. An der Theke stand auch Alex, den Cruise mit einer herzlichen Umarmung begrüßte. „Was geht Flo, du alter Rechtsverdreher?“, begrüßte Alex seinen Freund. „Gut gut, und selbst?“ „Ja auch hervorragend. Das ist dein Kumpel, den du mitbringen wolltest nehme ich an?“ Marc reichte dem Hausherren die Hand und sagte: „Moin Alex. Freut mich dich kennen zu lernen. Der gutaussende Typ neben uns meinte, dass du zu wenig Kerle hier hast und da wollte ich euch natürlich nicht hängen lassen. Ich bin wenn man es so will auf humanitärer Mission hier.“ „Na dann danke ich dir umso mehr, dass du heute hier bist“, sagt Alex und lacht. „Wie du siehst haben sich bereits 6 Damen der Schöpfung eingefunden. Ich denke, dass bis 12 Uhr alle Gäste hier sein sollten. Lass mich euch ein Getränk machen und dann mit den anderen bekannt machen. Was wollt ihr trinken?“
Ein wenig später standen die beiden Freunde mitten in ein Gespräch verwickelt im der Menschentraube im Wohnzimmer. Marc hatte inzwischen auch seine Verwunderung darüber abschütteln können, dass jemand seinen besten Kumpel Flo genannt hatte. So hatte er ihn schon seit ihrem Kennenlernen auf der Anzugmesse vor 8 Jahren nicht mehr genannt. „Du hilfst also Mördern und Psychopaten, dass sie weiter fleißig auf den Straßen umherlaufen dürfen? Das ist so dein Ding ja?“, fragte Hanna, eine hübsche spanisch aussehende Deutschlehrerin, die grad ihr Referendariat beendet hatte. Cruise streckte der schelmisch grinsenden jungen Frau die Zunge raus. „Es gibt tatsächlich auch Mandanten, die wirklich unschuldig sind. Wenn ich mir dich so angucke, würde ich dir zustimmen, dass es für unsere Gesellschaft besser wäre, wenn ich deinen Fall vor Gericht verlieren würde“, sagte er und zwinkerte ihr zu. „Wir können Alex ja fragen, ob er dir die nächsten Drinks mit einer wirklich angemessenen Menge Alkohol versieht, damit du vor Gericht auch sicher meinen Fall verlierst“, schlug Hanna vor und schaute Marc und Cruise abwechselnd erwartungsvoll an. Marc überlegte gespielt ein paar Sekunden und warf Cruise einen sehr intellektuell wirkenden Blick zu. Dieser nickte nur Zustimmend. „Super Idee Frau Deutschlehrerin“, sagte Marc schließlich und begann ebenfalls zu nicken.

Das Gespräch ging noch eine ganze Weile so weiter, bis Cruise das brennende Verlangen nach einer Zigarette bekam, woraufhin die beiden auf die Terasse umzogen. Cruise zückte sein schickes stählernes Zippo, was er sich im Sommerurlaub auf einem türkischen Bazar gekauft hatte und zündete sich eine an. Während der erste Zug noch seiner Lunge entwich fragte er mit rauchiger Stimme: „Wie liefs eigentlich vorhin mit Sina? Habt ihr wieder ein bisschen Spaß gehabt?“ „Joa, war wieder schön. Aber heute keinen „Spaß“, so wie du jetzt denkst. Wir sind ganz entspannt im Park rumgelaufen und haben ein wenig rumgeturtelt.“ „Ja und wie geht’s jetzt bei euch weiter? Hast du dich endlich entschieden? Ihr scheint es ja seit Anfang an klar zu sein, dass ihr füreinander bestimmt seid“, sagte Cruise interessiert. Die Frage hatte Marc sich auch immer wieder schon gestellt. Immer, wenn er sich sicher zu sein schien, dass sie nicht die richtige war, fiel ihm ein Grund ein warum es vielleicht doch mit den beiden klappen könnte. Wenn er sie mehrere Tage hintereinander sah merkte er, wie sein Verlangen sie zu sehen Tag für Tag geringer wurde und am Ende war er froh über die Pause. Auf der anderen Seite war die Anziehung nach ein paar Wochen der Trennung so gewaltig, sodass er am liebsten ins Auto hüpfen würde um sofort über sie her zu fallen. Dazu kam, dass die beiden fast identische Interessen hatten, sodass Marc sich wunderte, warum er nicht Hals über Kopf verliebt war. Bei Eva damals hatte er den ganzen Tag an nichts anderes denken können als sie wieder zu sehen, auch wenn er vor 5 Minuten erst die Haustür hinter sich geschlossen hatte. „Ich weiß es immernoch nicht. Das ist echt zum Mäusemelken. Gerade wenn ich denke ich will, will ich wieder nicht. Die Frau ist wirklich der Hammer. Sie sieht top aus, ist durchtrainiert, wie nichts Gutes, hat was in der Birne und wir haben sehr ähnliche ambitionierte Vorstellungen vom Leben. Ich wäre eigentlich schön blöd da nicht mehr zu wollen“, sagte Marc, während er nachdenklich von einem Fuß auf den anderen trat. Cruise nahm einen gewaltigen Zug seiner Zigarette und blies ihn senkrecht nach oben in den inzwischen erschienenen Sternenhimmel. „Ich bin da leider auch kein Experte mein Freund. Ich fürchte die Entscheidung wirst du selbst treffen müssen“, sagte Cruise und zuckte leicht mit den Achseln. „Zur Not kannst du es ja einfach mal ausprobieren mit ihr. Du musst sie ja nicht gleich heiraten.“ Marc seufzte leise und sagte: “Es könnte ja alles so einfach sein, ist es aber nicht. Aber vielleicht sollte ich es wirklich einfach mal ausprobieren. Sie wird sich ja kaum drauf einlassen, dass wir eine „Wir sehen uns alle 2 Wochen“ Beziehung führen. Naja, wie auch immer. Wollen wir wieder rein?“ „Yep“, kam es zurück und so betraten die beiden die Party wieder durch die Terassentür.
Drinnen hatte sich das Bild auf den ersten Blick kaum verändert. Beim genaueren hinschauen bemerkte Marc, dass eine größere Gruppe Neuankömmlinge sich aus Platzgründen im Flur verteilt hatten. Eine Sache zog allerdings recht schnell die gesamte Aufmerksamkeit der beiden Freunde auf sich. Direkt gut sichtbar hinter der Tür stand eine wirklich eindrucksvolle Erscheinung. Die beiden schauten sich an und kamen kaum aus dem Grinsen raus.
Sie war eine eindrucksvolle Erscheinung. Ihr eng geschnittenes rotes Kleid war bis zum Bauchnabel ausgeschnitten, was stolz den Blick auf ihren flachen muskulösen Bauch und die Innenseite ihrer ideal proportionierten Oberweite preisgab. Auch die rechte Körperseite, war bis unter die kurvige weibliche Hüfte, durch den dort durchscheinenden Stoff, gut erkennbar. Der Anblick ihres wohlgeformten Körpers sorgte bei Marc für einen angenehmen Schauer, der am ganzen Körper in Gänsehaut umschwang. Nur die dicken Wollsocken, die sie an den Füßen trug verwunderten ein wenig. Anscheinend hatte sie gerne warme Füße und es war ihr völlig egal, wie sie dabei aussah. Über ihrem kurvigen Körper thronte der schöne Kopf. Das lange blonde Haar fiel fast bis zum runden Hinterteil. Ihr selbstbewusster, überlegener Blick ruhte auf dem rechten ihrer beiden sympathisch aussehenden Gesprächspartner. Einem junge Mann Mitte 30, der wild gestikulierend irgendetwas redete. Die hohen Wangenknochen und die vornehm geschlossenen vollen Lippen verliehen ihr in Verbindung mit ihrer kleinen gerade eben noch nicht zu hoch gehobenen Stubsnase, die Aura einer Herrscherin. Marc schätzte sie auf 25. Er war sich nicht sicher, ob er Angst haben sollte oder begeistert sein sollte. „Die ist mir zu krass“, entfuhr es Cruise leise. „Die sieht aus, als würde sie morgens ihr Müsli mit Männerblut essen, um dann auf ihrem Ehemann zur Arbeit zu reiten“ Marc musste laut lachen. Der Kerl, mit dem sich die blonde Schönheit unterhielt hatte die beiden Witzbolde bemerkt und schaute leicht verwirrt rüber. Schnell wandten sich die beiden ab und gesellten sich zu ihrer Freundin der Deutschlehrerin.

Hanna war gerade in ein Gespräch mit einem bulligen Typen mit hochrotem Kopf verwickelt, der aussah als wäre er direkt aus der Umkleidekabine seiner Footballmannschaft gestolpert. Wenn Marc Hanna’s überforderten Gesichtsausdruck richtig deutete, versuchte er ihr anscheinend tatsächlich grade die Spielregeln zu erklären. Sichtlich erleichtert über die Unterbrechung stellte Hanna die 3 Herren untereinander vor. Der Hüne hieß Mike und war für die Party extra aus Flensburg angereist. Die rote Gesichtsfarbe, so sagte er, hatte er wohl immer auch unabhängig vom Footballtraining. „Habt ihr auch schonmal Football gespielt?“, fragte Mike, nachdem die beiden fertig damit waren so zu tun, als würden sie seine Stirn auf Fieber untersuchen. Marc zeigte auf Cruise und sagte: „Schau dir den doch mal an. Hast du das Gefühl, dass er auch nur 5 Sekunden auf dem Platz überleben würde? Außerdem guck dir mal sein hübsches Gesicht an. Es wäre wirklich schade, wenn dem etwas zustoßen würde.“ „Haha, sehr lustig. Ich war immerhin schon 2 mal beim Probetraining als ich 19 war. Und du?“, gab Cruise trotzig zurück und rümpfte die Nase. „Jetzt verstehe ich auch, warum du beim Scrabble immer so schlecht bist“, konterte Marc gekonnt. „Das war wohl eine Kopfnuss zu viel bei dir mein Freund“ „Hey ich spiele auch Football und stehe direkt vor dir“, sagte Mike, guckte ernst drein und hob die mächtige rechte Hand winkend direkt vor Marcs Gesicht. „Die meisten Profifootballer haben nach ihrer Karriere mit Ende 30 immerhin noch die mentale Leistungsfähigkeit von einem durchschnittlichen 70 Jährigen. Das ist besser als die meisten dieser Idioten vor ihrer Karriere“ Alle lachten und Marc merkte, wie sich langsam Tränen in seinen Augenwinkeln bildeten. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an als das Gelächter der 4 durch einen 5. Gast unterbrochen wurde. „Was ist bei euch so lustig?“, fragte eine unbekannte Frauenstimme ohne Emotion in der Stimme. Hinter Cruise stand anscheinend jemand. Cruise bewegte sich leicht zur Seite um ihr Platz zu machen. Marc erkannte sofort, dass es die ungewöhnlich selbstbewusste Blonde aus dem Flur sein musste. Ein selbstbewusster Blick musterte die Spaßvögel von oben bis unten. Marc fühlte sich ein wenig, wie in einem Verhör. Das Lachen verstummte. Eine Zeit lang war eine unangenehme Spannung in der Luft zu spüren. „Ihr seid lustig“, sagte die Schönheit endlich nach einer gefühlten Ewigkeit und schenkte der Runde ein warmes Lächeln, dass Marc glaube die Sonne sei aufgegangen. Sofort entspannten sich alle. „Ich heiße Emilie“, sagte sie und streckte jedem von ihnen die Hand hin. Was Marc jetzt wahr nahm raubte ihm für einen kurzen Moment den Atem. Auf einmal stieg ihm ein merkwürdig bekannter Geruch in die Nase. Die Note war unverkennbar. Es war der gleiche Geruch, wie auch schon heute Nachmittag in dem französischen Tagebuch. Emilie hatte seine Reaktion nicht bemerkt oder lies sich zumindest nichts anmerken. Dennoch brachte der Duft ihn wieder aus dem Gleichgewicht. Generell war Marc sich immernoch nicht so ganz sicher, was er von ihr halten sollte. Er fand die Frau so schön, dass er sich am liebsten die Augen auskratzen würde, um nicht den Verstand zu verlieren. Ihr Duft erregte irgendetwas ganz ursprüngliches tief in seinem Innersten, dem er sich kaum zu wehren vermochte. Auf der anderen Seite war sie ihm mächtig unheimlich. Die Präzision mit der sie ihre Mimik, Gestik und Emotionen kontrollieren konnte glichen einem Chirurg mit seinem Skalpell. Er versuchte Metallteile an ihr auszumachen, die sie als Roboter identifizieren würden, fand aber keine. Abgesehen von dem Schockmoment am Anfang schien Emilie allerdings wirklich nett zu sein. Marc hatte sich wieder gefangen als sie sagte: „Cruise ist ein echt cooler Spitzname. Wo kommt der her?“ „Mein bester Freund Marc hier hat die merkwürdige Angewohnheit andauernd Menschen ungewollt Spitznamen zu geben“, antwortete Cruise ihr und zeigte mit einem schlechten falschen Lächeln und dem nach oben gereckten Daumen, wie toll er es fand. Emilie lächelte Marc verschmitzt an und fragte: „Na, was ist also das Geheimnis hinter dem Namen Cruise?“ Marc liebte es diese Geschichte zu erzählen. Er rieb sich die Hände, setzte seine geheimnisvollste Miene auf und begann seine Geschichte: „Es begann alles an einem verregneten Donnerstag im Jahre 2014. Wir befinden uns in Frankfurt auf der größten Anzugmesse Europas. Cruise, der damals noch knackige 24 Jahre alt war und meine Wenigkeit hatten uns am Vortag der Messe am Stand einer Firma die neonfarbene Businesssocken herstellte lieben gelernt. Wir haben uns sofort so gut verstanden, dass ich schon den ganzen Tag fieberhaft am überlegen war, mit welchem formschönen Spitznamen ich unsere neue Freundschaft besiegeln könnte. Irgendwann erinnerte ich mich daran, dass Flo und ich es besonders lustig gefunden hatten, dass fast alle Marken einen englischen oder amerikanischen Touch um Namen hatten. Alle Farben waren „Green“, „Red“, „Blue“ etc. und Teile der „Brand“ waren oft „Big“, „Fancy“, „Smart“, „Casual“, „Business“ „Sexy“ oder „Funky“. Alternativ war auch häufig ein gewisser James, Johnsen oder Ted im Namen der kreativen aufstrebenden Männermodelabels zu finden. Da war es naheliegend, dass ich mir einen „freshen american nickname“ für unseren Freund überlege. Ich setzte mich also Abends in mein Hotelzimmer und legte mit Stift in Zettel bereit. Aus der Minibar zog ich die beiden Energydrinks. Mir war klar: Dieser Kerl war etwas besonderes also musste dieser Name etwas besonderes werden. Daraus ergab sich logischerweise, dass diese Nacht etwas besonderes war und das bedeutete ich brauchte Zucker und Koffein. Viiieeeeel Zucker und Koffein. Schon seit der Studienzeit war das meine Rezept für meine nächtlichen Lernsessions gewesen. Alleine der Gedanke an das zuckrige Erfrischungsgetränk ließ Adrenalin durch meinen Körper schießen als sich alles in mir auf maximale Leistungsbereitschaft einstellte. Ich öffnete die erste Dose, führte sie zum Mund, spürte, wie das kühle Nass in mich hinein strömte und BAM!“ Marc hielt inne. Alle 4 Augenpaare waren auf ihn gerichtet. Er schaute jedem von Ihnen tief in die Augen und nahm dann genüsslich einen großen Schluck seiner Mische. Mehr Sekunden verstrichen und Marc sagte Nichts. Nach knapp einer halben Minute Stille ergriff Emilie das Wort und schaute Marc dabei mit zugekniffenen Augen skeptisch an: „Gedenken Sie fortzufahren Herr Geschichtenerzähler?“ „Ach ihr wartet? Sagt das doch gleich“, gab Marc zurück und rollte seine Oberlippe nach innen, was den Blick auf seine obere Zahnreihe freigab. Mit dieser grotesk aussehenden Grimasse schaute er seinem gespannt wartenden Publikum erneut in die Augen. „Er findet sich gerade extrem witzig müsst ihr wissen. Sowohl das warten lassen, als auch die Grimasse. Marc erlebt grade seinen 2. Frühling. Ich entschuldige mich hiermit offiziell für den Irren. Ich wünschte ich könnte behaupten, dass der Alkohol ihn dazu treibt. Nope, der ist immer so. Es geht gleich weiter“, sagte Cruise und kratzte sich verlegen am Hinterkopf. Emilie schmunzelte und die anderen 2 waren sich augenscheinlich noch nicht sicher, was sie davon halten sollten. Endlich setzte Marc seine Geschichte fort: „BAM. Ich war also im kreativen Spitznamenmodus angekommen. Stundenlang schrieb ich Namen hinter Namen hinter Namen bis … Also inzwischen hatte ich sicherlich hunderte Namen aufgeschrieben es wurden stetig mehr bis … Mein Zettel wurde unterdessen immer voller und voller bis … Und meine Hand war inzwischen sooo verkrampft vom ganzen Geschreibe oh man bis … Was mich …“ „Es reicht! Wir haben verstanden, dass du lustig bist. Jetzt erlöse unsere Freunde doch bitte von dieser Tortur“, ging Cruise dazwischen. Marc streckte seinem Freund die Zunge raus und fuhr fort: „Bis ich an meine Heimat denken musste. Hamburg, das Tor zur Welt. Die wunderschöne Hafenstadt mit ihren Cruise-Terminals. Da wusste ich, ich hatte den perfekten Namen gefunden: „Cruise“. Der Name steht für Ruhe, Kraft, Coolness und Eleganz. Ganz wie der gute Flo eben. Der Typ ist, wie ein Luxus-Kreuzfahrtschiff in der Antarktis. Das Beste ist, dass er sich besonders gut dazu eignet langgezogen zu werden. Damit steigt die Coolness nochmal auf ein ganz anderes Level. Hört mal: Cruuuuuuuuuuiiiiise“ Zufrieden schaute Marc sich um. Hanna nickte anerkennend. Cruise kratzte sich nach wie vor verlegen am Hinterkopf und Mike hatte ein leichtes Grinsen im Gesicht. Emilie nickte ebenfalls anerkennend und belohnte Marc mit einem kurzes Applaus. „Wie es scheint hast du da ein echtes Talent“, sagte sie. „Welchen Spitznamen würdest du mir geben?“ „Die Königin“, entfuhr es Marc wie aus der Pistole geschossen. „Das ging ja schnell. Den mag ich“, sagte Emilie und schaute Marc dabei auf eine derart intensive Weise tief in die Augen, dass Marc den Blick abwenden musste und stattdessen Cruise anlächelte. „Was sagst du dazu?“, sagte er zu seinem Kumpel gewandt und bemühte sich die Fassung zu behalten. Marc konnte sich ehrlich gesagt keinen Reim drauf machen, was genau sie ihm damit hatte sagen wollen. Er wusste auch nicht so genau, ob er das nochmal erleben wollte. „Exzellente Wahl mein Freund“, bestätigte Cruise Marcs Entscheidung. „Ich muss aber auch zugeben, dass bei deinem stabilen Auftreten auch nicht viel anderes gepasst hätte“ „Stabil habe ich bisher selten gehört, aber nichtdestotz vielen Dank euch beiden für das Kompliment!“, sagte sie und lächelte vergnügt.

Nachdem das Eis gebrochen war unterhielten sie sich noch eine ganze Weile. Emilie erzählte von ihrem abgebrochenen Jura Studium, ihrem eigenen Tanzstudio, was sie seit einigen Jahren führt, ihrer Vorliebe für EDM Festivals und dass sie regelmäßig für arrogant gehalten wird und die Leute immer wieder überrascht sind, dass sie ja „wirklich nett“ sei. Zuletzt berichtete sie noch von ihren Eltern, die ursprünglich aus Frankreich nach Deutschland gekommen waren. Da weiteten sich auf einmal Marcs Augen und er rief lauter als er eigentlich beabsichtigt hatte: „Sprichst du etwas auch französisch?“ „Jap, bzw. Oui. Warum denn „auch“ und warum schreist du so? Du siehst aus als hättest du grad Atlantis entdeckt“ „Naja du riechst, wie ein Buch, was ich heute in einem alten Karton gefunden habe“ Emilie lachte laut. Marc schaute sich vorsichtig um, ob sie mit ihrer Lautstärke schon sämtliche Blicke auf sich gezogen hatten, aber außer dem ehemaligen Gesprächspartner von Emilie, der etwas neidisch in ihre Richtung guckte beachtete sie keiner. „Ok das kann man auch falsch verstehen. Es riecht tatsächlich ganz hervorragend, aber falls du nicht zufällig eine Art Tagebuch mit blauer Tinte auf Französisch geschrieben hast, mit Parfüm besprüht hast und weggeworfen hast, dann wird wohl noch jemand anders so riechen wie du. Ich dachte nur irgendwie kann das doch kein Zufall sein, dass ich eine Französin hier treffe. Ich meine, wie viele Franzosen leben in Deutschland? Gefühlt kein Einziger. Ich glaube ich bin in Deutschland wirklich noch keinem begegnet“ sagte Marc. Emilie zuckte mit den Achseln und sagte:“ Ich schreibe kein Tagebuch und Tinte besitze ich auch keine. Ich meine zumindest, dass im Kugelschreiber irgendetwas anderes drin ist. Ich hab auch noch keinen meiner Artgenossen hier getroffen. In der Tat ein lustiger Zufall. Konntest du mit deinem Kindergartenfranzösisch schon irgendetwas entziffern?“ „Ein Wort tauchte ziemlich häufig auf. Auf fast jeder Seite stand irgendwo „Phénix“, was wohl Phönix auf Französisch sein wird oder?“ „Yep. Noch irgendetwas?“ Marc überlegte kurz und antwortete: „Das Buch ist auf irgendeine Art und Weise besonders. Ich kann das gar nicht beschreiben, aber ich glaube ich hatte ein Erlebnis der 3. Art oder wie dieser Quark auch immer heißt. Ich hab das Buch in einem Karton vor meiner Wohnung gefunden, aber knapp 300 Meter vorher hatte ich schon die Gänsehaut des Jahrtausends.“ „Das hast du mir ja gar nichts davon erzählt“, unterbracht Cruise ihn. „Ich dachte wir sind Freunde“ „Haha, sehr lustig“, sagte Marc und pustete ihm einen Kuss zu. „Ich hätte dir das schon noch erzählt, aber es ist mir jetzt grad erst wieder eingefallen als Emilie Frankreich erwähnte. Auf jeden Fall hat es einen dicken ledernen Einband, als wäre das Buch hunderte Jahre alt, aber die Seiten scheinen ziemlich neu. Ich kann das Gefühl nicht abschütteln, dass der Inhalt dieses Buches wirklich wirklich wirklich interessant ist!“ „Ok also wann und wo?“, fragte Emilie und schaute Marc erwartungsvoll an. „Wie jetzt?“, brachte er verdutzt raus. „Ja ich komm dich morgen besuchen und dann rocken wir das Ding kurz durch“, sagte sie mit einem siegessicheren Lächeln. „Wir rocken das Ding kurz durch?“ Marc guckte wirklich verunsichert. „Das Buch Dummkopf und jetzt schalte mal schön dein Kopfkino ab. Wir haben einen Job zu erledigen und ich bin wirklich gespannt, was in deinem mysteriösen Tagebuch so drin steht. Phönixe sind meine Lieblingstiere, die es nicht gibt.“ „Weil du deine Feinde auch mit Laserstrahlen aus deinen Augen in Flammen aufgehen lässt?“, fragte Mike schnippisch. „Es ist dir also aufgefallen ja? Und ich dachte ich hätte alle getötet, die mich dabei gesehen haben. Ich muss dich wohl ausversehen am Leben gelassen haben. Warte, das hole ich kurz nach“, sagte sie, hielt sich jeweils den Zeigefinger an die Schläfe und schaute Mike intensiv an. „Ich merke noch nichts“, sagte Mike einige Sekunden später. „Ich bin wohl zu müde“, sagte Emilie und machte einen ratlosen Gesichtsausdruck. „Ich würde sagen das ist doch ein gutes Stichwort. Ich sollte mich mal auf den Weg machen, wenn wir morgen ein literarisches Abenteuer erleben wollen.“ Marc nickte ihr zu und sagte: „Ich habe zwar keinen Plan, wie ihr jetzt von Phönixen auf Laserstrahlen aus den Augen gekommen seid, aber ich glaube ich weiß was Mike meint. Du hast auf jeden Fall einen durchdringenden Blick. Lass uns noch kurz Nummern austauschen, damit ich dir meine Adresse senden kann.“ Emilie holte 4 elegante Visitenkarten ihrer Tanzschule aus ihrer Handtasche und verteilte sie an die kleine Runde. „Wir sehen uns“, sagte sie und als sie ging meinte Marc, dass sie die Umarmung nur eine Zentel Sekunde länger hielt, als bei den anderen oder bildete er sich das nur ein?
Der Abend verlief nachdem Emilie verschwunden war recht ereignislos. Sie unterhielten sich noch eine ganze Weile mit Mike, Hanna und einigen der anderen Partygäste und gingen dann. Marc war ehrlich gesagt in Gedanken die ganze Zeit schon bei dem Tagebuch und Emilies Hintern … ähm Französisch-Kenntnissen natürlich, die er am Folgetag brauchen würde. Spät in der Nacht kam er wieder Zuhause an, putzte sich rasch die Zähne und ging ins Bett. Er fiel sofort in einen tiefen traumlosen Schlaf.

Kapitel 4: Die Phönixinseln

Am Tag darauf wachte Marc in seinem Bett auf. Durch die kleinen Löcher im Plissee fielen bereits wieder die dünnen Sonnenstrahlen ins Zimmer. Als er so auf dem Rücken lag und sich in seinem Zimmer umschaute war er leicht verwundert. Seinen Wecker hatte er noch nicht gehört. Das letzte Mal, dass er vor dem Weckerklingeln aufgewacht war, war 23 Jahre her. Ungläubig schaute er auf die Uhrzeit. 10:32 zeigte das Ziffernblatt seines Weckers. Das waren fast 1,5h vor dem regulären aufstehen. Auch wenn er nur knapp 5 Stunden geschlafen hatte fühlte er sich so kraftvoll wie selten. Da er nun ja noch fast 3 Stunden bis zu seiner Verabredung mit Emilie hatte entschied er sich die neu gewonnene Zeit sinnvoll zu nutzen und laufen zu gehen.

2,5 Stunden später saß Marc gut gelaunt auf seiner Couch im Wohnzimmer und schaute seine Lieblingsserie „Westworld“, als es an der Tür klingelte. Als er die Wohnungstür öffnete stand Emilie bereits vor der Tür. „Dein netter Nachbar hat mir unten schon aufgemacht“, sagte sie, als sie seine Überraschung bemerkte. Heute hatte Sie ein nicht weniger eng anliegendes schwarzes Kleid an. Immerhin war es nicht ganz so üppig ausgeschnitten, sodass Marc sich sicher war, dass er sich auf das Tagebuch konzentrieren können würde. „Top Nachbarn! Dann komm mal rein in die gute Stube“, sagte er und Emilie schritt auf ihren gefährlich hohen Highheels herein. Natürlich ließ sie es sich nicht nehmen dabei ihr inzwischen bekanntes überlegenes Lächeln auf den Lippen zu tragen. In der Wohnung zog sie ihre Schuhe allerdings schnell aus und zog sich ihre dicken Wollsocken an, die sie in der Handtasche mit sich rumgetragen hatte. „Die kenne ich noch von gestern! Hast du die überall dabei?“, fragte Marc und musste schmunzeln. „Jo“, sagte Emilie. Marc nickte und sagte: „Du weißt schon, dass sie dein Outfit nicht unbedingt aufwerten?“ „Jo“, kam es erneut von Emilie. „Die Dinger sind unfassbar warm und gemütlich. Außerdem muss ich ja heute niemanden mehr beeindrucken oder?“ Mit ihrem gewohnten überlegenen Lächeln beobachtete sie ihn. Marc war sich nicht sicher, was sie ihm damit sagen wollte, aber er hatte auch nicht das Gefühl, dass er Frauen heute auf einmal verstehen würde. Sie sagen das eine und meinen ganz was anderes. Manchmal hatte er das Gefühl, dass Frauen unbemerkt eine Art Geheimsprache entwickelt hatten, die nur andere Frauen verstanden. Da er sich sowieso auf das Tagebuch konzentrieren wollte sagte er einfach: „Dem Tagebuch sind deine Socken egal. Willst du was trinken? Ein Wasser vielleicht?“ „Gerne“

Mit 2 Gläsern Wasser versorgt saßen die beiden wenig später auf Marcs Couch vor dem Tagebuch. Wirklich besonders sah das Buch nicht aus. Klar, es war nett in Leder eingebunden und hatte bestimmt für ein Buch viel Geld gekostet, aber das war es dann auch schon. Dafür, dass es Marc so merkwürdig gegangen war als er es gefunden hatte, fühlte er jetzt gerade überraschend wenig. Beide beobachteten es vorsichtig, als wenn sie erwarteten, dass es auf magische Art und Weise anfangen würde sich zu bewegen oder zu reden. „Du musst es schon aufmachen“, sagte Emilie irgendwann und grinste Marc an. „Und ich dachte du wolltest noch einen Moment den Anblick des Leders genießen“, sagte er. „Witzbold. Mach endlich auf den Bäckerburschen“, sagte sie immernoch grinsend. Marc rieb sich die Hände und sagte: „Ich hab zwar keine Ahnung, wo in Frankreich du das Wort Bäckerbursche gelernt hast, aber dann machen wir das mal“ „Haha sehr lustig. Meine Eltern kommen von da. Ich hab hier in Deutschland so einiges gelernt, das kannst du mir glauben“, sagte sie und imitierte Marc indem sie sich ebenfalls die Hände rieb. „Genug der Vorfreude. Ich will jetzt ein Abenteuer erleben!“, sagte sie und deutete auf das Buch. Marc reckte und streckte sich einmal demonstrativ und hob dann fast ehrfürchtig mit beiden Zeigefingern den Einband an.

„An der Stelle würde ich an dich übergeben“, sagte er. Emilie setzte sich auf die vordere Kante der Couch, zog das Buch an sich heran und begann zu lesen. Eine ganze Weile verging, in der Emilie nur las. Sie hatte einige Seiten hinter sich gebracht, als sie sich zurücklehnte und sagte: „Durchaus interessant dein kleines Büchlein“ „Ja und was steht drin?“, fragte Marc neugierig. Emilie holte tief Luft und begann: „Da hat jemand eine wirklich schöne Handschrift. Das Buch gehört anscheinend einer gewissen Julie Jeanette David. Es scheint so als hätte sie dies wie eine Art Gedankenspeicher verwendet und immer mal etwas herein geschrieben, wenn ihr danach war. Sie schrieb mal eine halbe Seite und mal seitenweise Text. Ich kann keine Zeitpunkte geschweige denn ein Datum erkennen. Auffällig ist, dass sie das Bedürfnis hatte alle abgeschlossenen Textblöcke zu unterschreiben, als wenn sie damit ein Zeichen setze, dass der Gedanke fertig ist. Das verleiht den Seiten einen edlen Touch. Sonst wüsste ich ihren Namen auch nicht, aber diese künstlerisch verschnörkelte Unterschrift sieht am ehesten nach einer Julie Jeanette David aus findest du nicht?“ „Ja, würde ich auch sagen. Aber soweit hätte ich es auch selbst hinbekommen. Jetzt komm doch mal zum eingemachten du Froschschenkelnascherin“, sagte Marc und zwinkerte ihr zu. „Oh Mann. Mit dir wird es nicht langweilig“, entfuhr es Emilie mit einem Seufzer. Sie setzte ihren Zeigefinger auf die offene Seite des Buches vor ihr und fuhr fort: „Also wo war ich. Genau, im ersten Text geht es um ihren Liebsten, einen gewissen Aonix. Der Name klingt irgendwie, als wäre er ein entfernter Verwandter von Asterix und Obelix. Wie auch immer. Anscheinend sind die beiden seit 15 Jahren unfassbar verliebt. Sie berichtet aber auch von einem ausgeklügelten Kommunikationssystem, bei dem die beiden sich jede Woche einmal treffen um über ihre Gefühle und ihre Beziehung zu sprechen. So wie es aussieht haben die beiden darüber hinaus jeden 2. Samstag Auslauf und dürfen alles vögeln, was nicht bei 3 auf dem Baum ist. Sie meint, dass ihr diese Mischung aus Abenteuer und Sicherheit genau das Lebensgefühl gibt, was sie braucht. Ein Wort kenne ich nicht. Das ist nicht Französisch: Duma. Sie nennt Aonix ihren Duma-Partner. Es klingt als sei das eine Art Beziehungsform. Gehört habe ich davon ehrlich gesagt noch nichts. Das könnten Leon und ich auch gebrauchen“ „Leon?“, fragt Marc verdutzt. Emilie schaut ihn mit gleichgültigem Blick an und sagt: „Ja mein Freund. Ich werde ihm dieses Duma Ding mal vorschlagen“ Marc wusste in dem Moment nicht genau ob er erleichtert oder enttäuscht sein sollte. Er hatte selten ein anziehendere Frau gesehen, aber gleichzeitig machte sie ihm mit ihrem übertrieben selbstbewussten Auftreten immernoch eine Heiden-Angst. Auch wenn er sich unsicher war, ob sie ihn überhaupt interessant fand, ein Teil von ihm mochte diesen positiv durchgeknallten Männertraum echt gerne. „Das Thema hatte sich, aber dann wohl eh erstmal erledigt“, dachte er. Insofern war es vielleicht gut, dass sie vergeben war und er sich darüber nicht mehr den Kopf zerbrechen brauchte. Was er sagte war: „Mach das mal. Läufts nicht so gut?“ „Wird schon irgendwie“, kam es trocken von ihr zurück. „Lass uns mal zum Buch zurück kommen“, sagte sie und wandte sich Marc zu. „Richtig los geht es eigentlich erst im zweiten Eintrag. Hier spricht Sie davon, wie das Leben auf dem Mars ist“ „WAAAAS?“, entfuhr es Marc viel lauter als er es gewollt hatte. Wild gestikulierend stand er auf und schaute die lässig an ihrem Wasser nippende Emilie an. „Wie kannst du seelenruhig 6 Seiten von diesem Buch lesen und mir dann ganz entspannt die Liebesgeschichte dieser beiden Menschen erzählen ohne zu erwähnen, dass die beiden angeblich auf dem Mars wohnen. Meinst du nicht, dass das eine relevante Information vorab gewesen wäre? Du hättest zumindest beim Durchlesen mal ganz kurz ein winziges bisschen zucken können. Nein, Emilie verzieht keine Miene. Was bist du für ein Mensch?“ Marc nahm die Hände vors Gesicht und schüttelte den Kopf. Emilie verzog weiterhin keine Miene. Dann fuhr er fort: „Ich will gar nicht wissen, was auf den anderen Seiten steht. Wahrscheinlich kommst du mir gleich mit Drachen und Zauberern.“ Emilie zwinkerte ihm geheimnisvoll zu und fragte: „Soll ich weiter erzählen?“ „Ja bitte“ „Stichwort Mars. So wie es aussieht leben die beiden in einer Raumstation auf dem Mars von einer Nation, die „Die Phönixinseln“ heißt. Das Land oder besser gesagt die Insel selbst soll irgendwo im Pazifik sein. Die Beiden selbst sind aber in dieser Kolonie auf dem Mars angesiedelt. Sie schreibt ein wenig von ihrem Alltag und wie sehr die Technologie das Leben erleichtert. Der Text ist eine Auflistung von Dingen, für die sie dankbar ist. Ich glaube das ganze Buch ist eine Art Dankbarkeitstagebuch. In jedem Textblock beschreibt sie einen Lebensbereich oder einen Umstand, für den sie dankbar ist. Hier geht es zum Beispiel um ein komplett automatisiertes Versorgungssystem für Lebensmittel. Ihr Multischrank ist über das Internet of Things mit den Lebensmittelhändlern verbunden und so bestellt ihr Schrank von alleine bedarfsgerecht alles, was sie tagtäglich braucht 100% und das fast komplett ohne lokale Lagerhaltung. Dadurch wird niemals etwas schlecht. Die Lebensmittel werden durch ein System ähnlich einer Art Rohrpost als Metallkugel in Vakuum als Magnetschwebeware durch einen Tunnel vom Zentrallager direkt an den Multischrank gesendet, der die Ware dann auspackt, zwischenlagert und die leere Kugel über einen Rückführtunnel wieder zurück führt. Je nachdem ob die Waren kurzfristig gekühlt werden müssen oder nicht wird in normalen oder in gekühlten Fächern abgelegt, die von der anderen Seite vom Benutzer geöffnet werden. Die Menge an Lebensmitteln, die dabei eingespart wird ist gewaltig. Das System kommt zu 100% ohne Verpackungsmüll aus, da beim Transport nur die Kugeln verwendet werden und im Multischrank nur automatisch reinigende Fächer vorhanden sind.

Wenn gewünscht werden die Lebensmittel von Haushaltrobotern an die Hand gereicht oder vor Ort zubereitet. Was die Menschen essen wird automatisch errechnet. In der zentralen Cloud des Mars sind die Gesundheitsdaten eines jeden Bürger gespeichert und werden in Echtzeit aktualisiert. Der Nährstoffbedarf kann jederzeit 100% gedeckt werden. Das in Verbindung mit der Datenbank über die kulinarischen Vorlieben desjenigen ergibt dann den Speiseplan.

Die Bürger tragen alle spezielle Brillen, die entweder komplett oder teilweise als Bildschirm verwendet werden können. Das scheint eine Art Accessoire zu sein und jeder gestaltet seine Brille an seinem persönlichen 3D Drucker selbst. Besonders Bekloppte tragen kleine Elefanten, Bienen oder Brüste auf dem Kopf wohingegen die etwas stilsichereren sich ihre mit seltenen Edelsteinen, Metallen, Holz oder anderen schönen Dingen anpassen. Diese Brillen sind das Display mit dem jeder Bürger über Superschnelles Internet und die Cloud auf die unendliche Rechenpower der Quantencomputer zugreifen können. Jede Frage, die sich der Benutzer stellt wird direkt aus dem Gehirn gelesen und zeitgleich durch den ständigen Zugang zum Wissen des Universums beantwortet. Jeder Wunsch wird sofort erfüllt, wenn es im Rahmen der moralischen und gesetzlichen Grenzen des Landes und der wirtschaftlichen Möglichkeiten des Individuums liegt. So werden z.B. Tickets für ein Konzert direkt gebucht oder verschenkt. Der nächste Urlaub wird virtuell geplant und gebucht. Restaurantbesuche sehen so aus, dass die allgemeingegenwärtige künstliche Intelligenz, die von den Bürgern liebevoll „Mutti“ genannt wird anhand der persönlichen Vorlieben, örtlichen Position und Nährstoffbedarf das Restaurant aussucht. Der Tisch wird automatisch reserviert und eins der autonom fliegenden Flugtaxis wird gerufen. Auf dem Weg sammelt man seine Freunde ein und wird unterwegs von perfekt zu Stimmung der Gäste passenden Musik unterhalten. Die Restaurants bestechen durch wunderschönes Themenbezogenes Interior und persönliches Service von Kellnern, die mehr Theaterschauspieler als herkömmliche Kellner sind. Mit Charme und Einfühlungsvermögen erspüren sie jeden Wunsch der Gäste ohne, dass sie ihn aussprechen müssen. Die Gerichte wählt Mutti aus und übermittelt sie an die Köche, die biologisch erzeugten Nahrungsmittel mit viel Liebe zubereiten, abschmecken und kunstvoll anrichten. Für die Unterhaltung währen des Essens sorgen ausgewählte Musiker live. In spezielleren Locations findet man auch Comedians, Tänzer, Stripper, Theaterschauspieler und ähnliche Künstler, die ihr Leben ihrer Kunstform gewidmet haben. Die Gespräche am Tisch fühlen sich an, wie eine perfekte Symphonie bei der die Gesprächsteilnehmer intuitiv spüren, wer als nächstes etwas sagen sollte. Am Ende des Abends ist das Flugtaxi auf die Sekunde rechtzeitig da, ohne dass es jemand gerufen hat und bringt alle wieder mit stimmungsvoller Musik zurück. Bezahlt wird das ganze am Ende vollautomatisch über eine Schnittstelle zum Wallet der einheitlichen Kryptowährung.“

„Ich wünschte Cruise könnte das hören“, unterbrach Marc sie in ihrem Redeschwall. „Ja wo ist der der Eigentlich?“, fragte Emilie. „Der ist gestern noch richtig abgestürzt. Zuerst wollte er mitkommen, aber in dem Zustand, in dem ich ihn Zuhause abgeladen habe wird der wohl noch schlafen.“ Emilie drückte ihr Unverständnis mit einem Kopfschütteln aus und sagte: „Ich hab das Gefühl, dass wir dabei sind etwas wirklich Außergewöhnliches zu erleben und der Kerl pennt einfach mal. Wie auch immer. Ich muss sagen, dass sich das schon nach einem schönen Ort zum Leben anhört. Im krassen Kontrast dazu freue ich mich bei mir zu Hause in meiner Wohnung schon, wenn das Internet funktioniert. …

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